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Portrait

Yagmur Ekim Cay, Aktivistin gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus

yagmur EKIM CAY
Foto: Hannah Carter

Yagmur wurde in Izmir, Türkei geboren und studierte Politikwissenschaften in Istanbul. Vor drei Jahren zog sie nach Berlin, um ihr Studium an der FU Berlin fortzusetzen. Hier beschäftigte sie sich mit Journalismus und arbeitete mit Can Dündar beim Projekt ozguruz.org. Sie hat in Griechenland über Geflüchtete aus der Türkei recherchiert und eine Doku gemacht. Für ist sie ist es wichtig, gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus zu kämpfen. Seit September arbeitet sie im NETTZ-Team mit. 

Du warst auf dem NETTZ-Community Event. Wie nimmst du die deutsche Anti-Hatespeech-Community wahr? 

Ich hatte bis zum NETTZ Community Event keine Ahnung, dass es so viele Menschen gibt, die sich gegen Hate Speech engagieren. Ich bin sehr beeindruckt, wie viele sich Mühe geben, etwas zu ändern und wie viele Organisationen es gibt, die sich für das Thema interessieren und viel darüber wissen. Ich fand es inspirierend, wie Das NETTZ alle Themen zusammen fasste und so viele Menschen aus verschiedenen Kreisen zusammen brachte. 

Mir fiel aber auch auf, dass es hier leider eher kleinere Gruppen oder individuellen Aktivismus gibt als größere Organisationen. Ich habe viele kennengelernt, die diese sehr wichtige Arbeit in ihrer Freizeit unbezahlt tun. Ich denke, es macht uns weniger stark, als wir sein könnten. 

 

In der Türkei gibt es eine Vielzahl von Aktivist*innen für Demokratie, Transparenz, gegen Diskriminierung… Wie nimmst du die beiden Szenen im Vergleich wahr?

Die Türkei hat seit 2013 einen brutalen Wandel erlebt. Davor gab es schon Probleme mit der Meinungsfreiheit, aber durch Ereignisse wie die Gezi Park Proteste oder den Putschversuch wurde die Repression immer stärker. Es gibt Tausende von Menschen im Gefängnis, andere haben ihre Arbeit verloren, weil sie für Frieden eintreten, weil sie Journalismus machen oder manchmal waren sie einfach nur bei einer Demonstration. 

Aber derzeit gibt es trotzdem viele Aktivist*innen, die gegen starke Repression kämpfen. Sie sind sehr gut organisiert. Sie kennen die Methoden der staatlichen Behörden sehr gut und haben manchmal Angst. Aber sie kämpfen weiter, weil sie daran glauben, dass sie etwas ändern können. 

Hier in Deutschland fühlen sich die Aktivist*innen nicht unterdrückt oder unfrei wie in der Türkei. Vielleicht gibt es deshalb nicht wirklich eine große und organisierte Aktivist*innen-Szene, sondern eher kleinere Gruppe, weil manche Probleme die Menschen nicht selbst betreffen wie in der Türkei. Ich finde es schade, dass wir in manchen Bereichen, z.B. im Kampf gegen Rassismus, nicht in stärkeren, größeren Gruppen organisiert sind sondern immer als ‘Blase’ etwas dagegen machen.
Yagmur Ekim Cay
Das NETTZ

Manchmal kann ich kaum glauben, was für schrecklich Dinge die AfD- oder Pegida-Leute zum Thema Rassismus äußern. Aber es gibt keine wirklich starke Antwort darauf. Letzte Woche fand mitten in Berlin eine "Wir für Deutschland"-Demo statt, und es gab viele rassistische Slogans und Plakate. Ich habe dagegen demonstriert und mich sehr alleine und nicht sicher gefühlt, weil wir so wenige waren, die dagegen demonstriert haben. Das sollte man nicht normalisieren. So etwas kann ich mir im Zentrum von Istanbul nicht vorstellen, weil die  türkische Regierung weiß, dass die dortige Gemeinschaft so etwas niemals in ihrer Nachbarschaft zulassen würde.

Sind die meisten Initiativen in den großen Städten angesiedelt oder überall im Land verteilt. Wie stark bzw. schwach ist die Vernetzung untereinander ausgeprägt?

Es gibt eher stärkere und zentrale Initiativen, die Kontakte zu kleineren Städten oder Dörfern haben. Die größeren Organisationen versuchen in den kleineren Orten Veranstaltungen zu organisieren, Kontakte zu knüpfen und mit den Aktiven vor Ort zusammen zu arbeiten. In manchen Fällen, in denen sie da niemanden finden, schicken sie ein paar Leute aus der Organisation, um eine Weile dort zu leben und Kontakte zu sammeln oder eine Bewegung zu stärken. Das ist manchmal eine schwere Aufgabe, denn die Menschen in Anatolien sind viel konservativer als die in den großen Städten.

Yagmur Ekim Cay
Yagmur war am 20.09 beim TINCON und hat einen Talk zum Thema Netzpolitik gehalten.

Wie digital ticken türkische zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich gegen Hassrede engagieren? Welche Themen werden vor allem diskutiert? 

Sie sind nicht so digital wie in Deutschland, es gibt noch so viel zu lernen. Der Kampf in der Türkei findet seit Jahren eher auf der existenziellen Ebene statt - ins Gefängnis oder nicht ins Gefängnis. Außerdem haben die Aktiven sehr wenig Geld. Wenn sie zum Beispiel durch eine deutsche Organisation finanziert werden, gibt es immer die Möglichkeit, dass sie "europa-unterstützte Terroristen" genannt werden, Sehr viele Leute würden das glauben. Die Initiativen sind ziemlich aktiv auf Twitter – sie organisieren Online-Twitter-Kampagnen, die meist sehr gut funktionieren. In letzter Zeit konzentrieren sich die Themen auf syrische Geflüchtete und Rassismus. Es gibt einen großen Hass gegen sie und der ist wirklich gefährlich. 

Was sind aus deiner Sicht derzeit die größten Herausforderungen beim Umgang mit Hassrede im Internet?

Es gibt noch viele Menschen, die nicht wissen, wie man das Internet nutzt. Es gibt so viele, die alles glauben, was sie auf Facebook sehen. Das ist gefährlich. Da sind viele falsche Informationen und man kann ganz verrückt werden von diesen Verschwörungstheorien. Ich denke, wir brauchen mehr und mehr Internet-Bildung für alle. Wir können den Inhalt nicht immer kontrollieren, aber wir können den Leuten beibringen, wie man damit umgeht.
Yagmur Ekim Cay
Das NETTZ

Was können wir voneinander lernen? 

Wir können so viel voneinander lernen, über Aktivismus, über Internet, über Hassreden. Ich bin sehr beeindruckt, für wie wichtig es in Deutschland gehalten wird, Workshops, Trainings oder Bildungen zu diesen Themen durchzuführen. Ich denke, in der Türkei haben sie bis jetzt nicht realisiert, wie viel man daraus und voneinander lernen kann, oder wie man das Internet intelligent nutzen kann. Viel lernen könnten wir in der Türkei von der Anti-Hate-Speech-Community. Es gibt nur wenige Organisationen, die über Hassreden überhaupt geforscht haben und soweit ich weiß, keine Organisation, die nur an diesem Thema arbeitet. Leider denken wir nicht so viel dran, dass das Thema sehr groß und wichtig ist.

Was wünschst du dir von der deutschen Zivilgesellschaft? 

Lasst uns nicht warten, bis der Tag kommt, an dem alles schlimmer als heute ist - lasst uns heute anfangen, etwas zu tun.
Yagmur Ekim Cay
Das NETTZ

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Wir alle!

Autor*in

Hanna Gleiß

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