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Portrait

Diskutier Mit Mir im Portrait: Politisch streiten im Netz

Nachdem im September die Diskutier-Mit-Mir-App gelaunched wurde, überzeugte die Initiative das Publikum beim Community-Event am 13.09.2018 mit einer technischen Lösung zur Erweiterung des Angebots. Damit gewannen sie einen der vier Preise des NETTZ-Förderwettbewerbs. 

Barbara Djassi hat ein Interview mit Louis Klamroth geführt, um die Initiative, ihre Maßnahmen und neuen Ziele vorzustellen.

"Drei Freunde … möchten abseits von Polit-Talk und Facebook-Kommentarspalten neue Diskursräume schaffen. Das Motto: Politik wird nicht nur in Berlin und in Talkshows gemacht. 'Die Debatte beginnt bei uns!'" schreibt der Tagesspiegel. Welche Rückmeldungen bekommt ihr? 
Zur Bundestagswahl 2017 konnten wir knapp 20.000 Gespräche zwischen Menschen mit konträren politischen Einstellungen ermöglichen. Dabei wurden fast 500.000 Nachrichten verschickt und über 30.000 politische Thesen diskutiert. Im Schnitt dauerten die Gespräche acht Minuten.

Die Auswertung unserer bisherigen Arbeit zeigt: Die 1:1-Chats von Diskutier Mit Mir sind kaum attraktiv für Trolle und es kommt seltener zu Hate Speech, da der Dialog in geschützten Räumen ohne Publikum stattfindet. 
Louis Klamroth
Diskutier Mit Mir / Vorstand

Wichtiger als diese Zahlen sind aber die persönlichen Rückmeldungen und der Austausch mit anderen Akteur*innen. Die positiven Reaktionen und die Bereitschaft, uns zu unterstützen, haben uns am Anfang fast etwas überwältigt. So haben wir mit der Schöpflin Stiftung schon früh einen verlässlichen Förderpartner gefunden und konnten 2018 unser Team um angestellte Mitarbeiter*innen erweitern. Die Rückkopplung zur Zivilgesellschaft, zum Beispiel auf den Community-Events von das NETTZ, ist für uns auch ein wichtiger Faktor – hier freuen wir uns über den anhaltenden Zuspruch und das konstruktive Feedback.

Wie wählt ihr die Themen aus?
Innerhalb unseres Teams bilden wir eine Redaktion, die eine Vorauswahl an Themen trifft und diese in einer Tabelle sammelt. Wir setzen uns dann als Team zusammen und entscheiden gemeinsam, welche Thesen zur Diskussion gestellt werden.

Spannender als die Auswahl der Themen ist aber eigentlich die Frage, wie wir die einzelnen Thesen formulieren. Natürlich achten wir darauf, bestehende Vorurteile und Stereotype bei der Formulierung der Thesen nicht zu reproduzieren. Darüber hinaus sollen die Thesen aber auch verständlich sowie nicht politisch gefärbt sein und vor allem zur Diskussion anregen. An manchen Formulierungen sitzen wir bis in die Nacht – es ist eben nicht so einfach, eigene Sprachgewohnheiten und politische Präferenzen auszublenden, wie man vielleicht annimmt.

Deshalb wollen wir in Zukunft auch verstärkt zivilgesellschaftliche Partner*innen und interessierte Bürger*innen in gemeinsamen Thesen-Workshops in die Auswahl und Formulierung der Thesen einbinden.

Raus aus der Blase, rein ins Gespräch – wie sorgt ihr dafür, dass sich eine möglichst diverse Zielgruppe angesprochen fühlt und mit welchen Maßnahmen unterstützt ihr die Sichtbarkeit eurer Diskussionsplattform?
Wichtig ist, dass aus dem gesamten politischen Spektrum Nutzer*innen angemeldet sind, damit der Algorithmus jemanden finden kann, der politisch anders tickt. Mit Social Media Videos und Partnerschaften versuchen wir organische Reichweite zu erhöhen, mit gezielter Werbung (Targeted Facebook Ads) können wir bestimmte Zielgruppen gezielt erreichen. Besonders wertvoll sind für uns dabei Medienpartnerschaften: ein Teil der Nutzer*innen vor der Bundestagswahl kam zum Beispiel über die Einbindung unserer Plattform in die Websites von überregionalen Nachrichtenportalen zu uns.

Ihr habt den NETTZ-Förderpreis gewonnen und entwickelt nun eine Möglichkeit für Initiativen, das Tool in ihre Arbeit einzubinden. Könnt ihr das kurz an einem Beispiel veranschaulichen?
Mit dem Förderpreis wollen wir unsere bestehende technische Infrastruktur so weiterentwickeln, dass sie einfach und ohne große technischen Vorkenntnisse von anderen Initiativen für eigene Diskussions-Projekte genutzt werden kann.

Möglichkeiten gibt es hier viele. Denkbar ist zum Beispiel das Tool als Online-Begleitung für ein lokales Projekt zu nutzen. So können wir vor allem kleinere Initiativen unterstützen, für die ein zusätzliches Online-Angebot schwer stemmbar wäre.
Louis Klamroth
Diskutier Mit Mir / Vorstand

Eure Idee habt ihr nach einem niederländischen Vorbild umgesetzt. Inzwischen gibt es „PARLEM“ auf Katalanisch. Seid ihr im Austausch und vergleicht eure Erfahrungen, sowie die Reaktionen in der Öffentlichkeit?
Klar sind wir im Austausch, vor allem da unsere europäischen Partner*innen auf unsere technische Infrastruktur zurückgreifen. In allen Ländern wurde die Plattform sehr gut aufgenommen, auch wenn es ein paar Unterschiede gibt. Beispielsweise fanden in den Niederlanden mehr Gespräche statt, in Deutschland dauerten die Gespräche dafür länger als im europäischen Durchschnitt. Mit Vox Pop in den Niederlanden ist der Kontakt sehr eng. Gemeinsam bauen wir gerade ein pan-europäisches Netzwerk für das Projekt Talking Europe auf und tauschen uns wöchentlich aus. Aktuell arbeiten wir auch mit Freund*innen aus Schweden an einer schwedischen Version.

Talking Europe – das ist wohl das angekündigte große Ziel Europawahl 2019. Hört sich gut an. Wie werdet ihr das angehen?
Mit Talking Europe entsteht eine pan-europäische, digitale Dialogplattform, die vor der Europawahl (April 2019) online geht. In persönlichen 1:1-Gesprächen treten europäische Bürger*innen aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen politischen Ansichten in einen Dialog. Talking Europe wird in verschiedenen Sprachversionen zur Verfügung stehen. Dort wo es möglich ist, werden Chats in Echtzeit direkt in die jeweils andere, ausgewählte Sprache übersetzt. Talking Europe wird gemeinsam mit einem Netzwerk von europäischen Partnern aus möglichst vielen europäischen Ländern umgesetzt.

Durch ein niedrigschwelliges Angebot werden breite Teile der Gesellschaft erreicht: Jede*r kann am Dialog teilnehmen. Es spielt keine Rolle, ob man auf dem Land oder in einer europäischen Großstadt lebt. Alter, Geschlecht und soziale Herkunft sind im Chat nicht sichtbar, wodurch ein Gespräch frei von Vorurteilen möglich wird. Die Thesen, die auf Talking Europe diskutiert werden, wählen wir gemeinsam mit unseren europäischen Partner*innen aus.

Wir glauben, dass es mehr verbindendes als trennendes in Europa gibt und die 1:1-Gespräche auch länderübergreifend funktionieren werden. Wir wollen mit Talking Europe daher zu einer europäischen Diskussionskultur beitragen.
Louis Klamroth
Diskutier Mit Mir / Vorstand

Diese Talks kann ich mir ganz erhellend vorstellen. Zu den ohnehin konträren politischen Meinungen kommen unter Umständen recht unterschiedliche Perspektiven von Menschen aus Ländern, die nicht auf die gleiche Weise von Europa profitieren. Es wird sehr spannend sein, die Nachgespräche auszuwerten.
Wir sind auf unsere Evaluation im Juni nächsten Jahres gespannt. Im Moment gehen wir davon aus, dass 1:1-Gespräche sich am besten dafür eignen, sich tiefergehender mit de*r Gesprächspartner*in auseinanderzusetzen. Man bekommt die Möglichkeit nachzufragen: „Wie viel verdienst du denn als Angestellte*r in Ljubljana? Welche Themen bewegen dich in der französischen Großstadt? Wie ist die medizinische Versorgung bei euch auf dem Land in Dänemark?“. Es geht also nicht so sehr darum, was zum Beispiel Deutschland und Italien voneinander lernen, sondern Räume zu schaffen, in denen persönliche Lebensrealitäten miteinander geteilt werden können. Zwangsläufig wird man dann wohl seinen innenpolitischen Blickwinkel auf europäische Themen hinterfragen (müssen).

Ob nun in Gesprächen in Deutschland, Europa oder weltweit – was wünscht ihr euch für eine Diskussionskultur?
Wir wünschen uns eine politische Diskussionskultur, in der gesellschaftsrelevante Themen kontrovers aber fair diskutiert werden. Eine Diskussionskultur, in der Widersprüche, Grauzonen und vermittelnde Standpunkte mehr Zuspruch erhalten als polemische und undifferenzierte Aussagen. Eine Diskussionskultur, in der Polarisierungen der argumentativen Schärfung dienen und kein Selbstzweck sind.

Wie kann man euch bei eurer Arbeit unterstützen?
Momentan suchen wir vor allem nach passenden europäischen Partner*innen für Talking Europe, seien es Verbände, NGOs oder Medienpartner*innen. Hier sind wir für jeden Hinweis dankbar! Natürlich könnt ihr uns auch schreiben, wenn ihr Interesse daran habt, auf ehrenamtlicher Basis mitzuarbeiten. Außerdem haben wir eine Betterplace-Seite, auf der wir uns über Spenden freuen.

Möchtet Ihr sonst noch etwas loswerden?
Traut euch: Lasst eure Meinungsblase platzen und diskutiert mit uns!

Autor

NETTZ-Redaktion

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