Portrait

Portrait: „An allem schuld – Wie Antisemitismus funktioniert"

"Antisemi...Was?"-Text auf rosanem Foto von einer Holzplatte, "An allem schuld: – Wie Antisemitismus funktioniert"-Logo links oben in der Ecke
© Bildung in Widerspruch e. V.

Der Verein Bildung in Widerspruch hat ein neues Online-Bildungsangebot zur kritischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus entwickelt. Es richtet sich an junge Menschen und pädagogische Fachkräfte. Unter www.an-allem-schuld.de stehen Erklärfilme, Interview-Clips, Quizformate und andere digitale Tools bereit, die vielfältige Möglichkeiten einer selbständigen Annäherung an das Thema bieten. Multiplikator:innen werden durch eine begleitende Handreichung unterstützt.

Dieses Interview führte Mieke Blunck von das NETTZ mit Caterina Zwilling von Bildung in Widerspruch e. V.

Euer Projekt gibt es noch nicht sehr lang. Ihr seid 2023 gestartet. Wie genau seid ihr darauf gekommen “An-Allem-Schuld” aufzubauen und wer steckt dahinter?

Unsere Website ist Ende 2023 online gegangen, aber wir arbeiten schon eine ganze Weile länger an dem Vorhaben. Die Idee ist aus einem Vorgängerprojekt entstanden, das unser Team bei einem anderen Träger verwirklicht hatte. Damals haben wir „Anders denken. Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit“ entwickelt. Dieses Webangebot richtete sich an Lehrkräfte und andere Multiplikator:innen. Dabei haben wir gemerkt, dass es für die Zielgruppe der Jugendlichen keine ähnlich zentrale Anlaufstelle für Fragen zum Thema Antisemitismus gibt. Hinter der neuen Website “An-Allem-Schuld” steht der Verein Bildung in Widerspruch e.V., der 2016 gegründet wurde. Wir wollen mit politischer Bildungsarbeit dazu beitragen, menschenfeindlichen Ideologien der Ungleichwertigkeit entgegenzuwirken. Ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit ist die antisemitismuskritische Bildungsarbeit 

Welche Veränderungen wollt ihr mit eurer Arbeit bewirken?

Wir wollen Antisemitismus durch Bildung und Aufklärung etwas entgegensetzen. Dazu haben wir aktuell als Betätigungsfeld den digitalen Raum gewählt, weil sich Antisemitismus online besonders häufig offen äußert, während das Internet zugleich die zentrale Informationsquelle für unsere jugendliche Zielgruppe ist.  

In unserem Verständnis kann Aufklärung über Antisemitismus nicht bei einer bloßen moralischen Verurteilung stehen bleiben. Das reicht nicht: Allein schon deshalb nicht, weil viele Menschen antisemitisch sind, obwohl sie das eigentlich weit von sich weisen würden. Antisemitismus bricht sich oft unbewusst Bahn. Deshalb ist es wichtig, ein Verständnis davon zu entwickeln, was Antisemitismus eigentlich ist. Wie funktioniert er? Welche psychischen Mechanismen bedient er? Wo kommt er her? Und welche Rolle spielt er in unserer Gesellschaft? Die Bildungsarbeit, die wir aktuell mit unserer Jugendwebsite verfolgen, ist also eher präventiver Art. Wir wollen ein Bewusstsein für Antisemitismus schaffen und so der zunehmenden Normalisierung dieses Ressentiments entgegentreten. Für Menschen mit einem gefestigten antisemitischen Weltbild braucht man zum Beispiel andere Angebote. 

Standfoto aus einem der fünf Erklärfilme
Standfoto aus einem der fünf Erklärfilme © Bildung in Widerspruch e. V.

Wen wollt ihr mit eurem Projekt erreichen und wie erreicht ihr sie?

Unsere Webseite richtet sich an Jugendliche. Sie sollen sich hier – von ihren eigenen Interessen geleitet – über das Thema Antisemitismus informieren können. Diese jugendliche Zielgruppe machen wir über die sozialen Medien auf unsere Seite aufmerksam. Aktuell bemühen wir uns um eine Finanzierung für eine größere Social-Media-Kampagne, denn unsere Mittel sind bisher in diesem Bereich noch zu begrenzt.  

Wichtig für die Bekanntmachung und Verbreitung unserer Website ist aber auch noch eine zweite Zielgruppe, nämlich Lehrkräfte und Multiplikator:innen der außerschulischen Bildung. Denn die Website lässt sich auch sehr gut in angeleitete Lernprozesse integrieren. Im Laufe dieses Jahres werden wir pädagogische Handreichungen veröffentlichen, die Ideen und Konzepte für den Einsatz im Unterricht beinhalten. Auch als Rechercheempfehlung zum Beispiel für die Referatsvorbereitung bietet sich die Website an. Ein Weg zu den Jugendlichen führt für uns also auch über Lehrkräfte und andere Multiplikator:innen. Deshalb werben wir gezielt auch beim pädagogischen Fachpublikum, zum Beispiel im Rahmen von Fortbildungen oder in Fachpublikationen. 

Euer Online-Projekt ist sehr interaktiv. Ihr arbeitet z.B. mit Quizzes. Was inspiriert euch?

Uns war es wichtig, möglichst viele interaktive Tools in die Website zu integrieren. Schließlich soll man sich nicht langweilen und deshalb das Interesse am Thema verlieren. Bei unseren Quizzes kann man sein Wissen überprüfen. Man kann aber auch sehr viel Neues erfahren. Bei anderen interaktiven Formaten geht es mehr um die eigene Meinung oder um Reflexion. Wir haben zum Beispiel Tools, bei denen man abstimmen und die eigene Position mit der von anderen User:innen vergleichen kann. Oder Tools, bei denen die individuelle Abwägung von verschiedenen Handlungsalternativen im Vordergrund steht. Da geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, begründet eigene Entscheidungen zu fällen und deren Konsequenzen zu bedenken. 

Für Inspirationen haben wir zum Teil auf unsere Erfahrungen zurückgegriffen, die wir bei der Arbeit mit Jugendlichen in Präsenzformaten gemacht haben. Dennoch funktioniert vieles im digitalen Bereich natürlich ganz anders. Wir haben uns zum Beispiel über Gamification in der Bildungsarbeit informiert. Die Herausforderung war es, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst attraktive interaktive Angebote zu entwerfen. Das hieß vor allem: im Team die Köpfe zusammenstecken und Ideen entwickeln, kritisieren, verbessern oder verwerfen und neue entwickeln.  

Auf welche bisher erreichten Meilensteine seid ihr besonders stolz?

Zu den ersten Meilensteinen gehört unsere Publikation “Mehrfachnennungen möglich – Umfragen zu jugendlichen, pädagogischen und jüdischen Perspektiven auf Antisemitismus und Bildungsarbeit”. Darin sind die Ergebnisse von drei Online-Erhebungen mit insgesamt fast 650 Teilnehmenden aufbereitet, die wir im Rahmen einer Bedarfsanalyse für unser Projekt durchgeführt haben. Die Publikation kann man sich kostenlos im Internet herunterladen (PDF) oder als Printversion zusenden lassen. 

Der wichtigste Meilenstein war aber natürlich der Launch unserer Website. Wir waren sehr stolz, bei einer Präsentationsveranstaltung im November 2023 mit dem Ergebnis unserer Arbeit an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir freuen uns, dass die Seite jetzt online ist und somit endlich „zum Leben erweckt“ wurde. Gerade die interaktiven Elemente wirken ja ganz anders, wenn sie nicht nur als Entwurfsfassung vorliegen, sondern sich tatsächlich bedienen lassen. Bisher haben wir viel positives Feedback bekommen.

Sicher habt ihr nicht nur konstruktives Feedback bekommen. Arbeit gegen Antisemitismus geht oft auch mit Anfeindungen einher. Wie geht ihr damit um und was ist nötig, um die Arbeit trotzdem machen zu können? 

In der letzten Zeit waren wir viel mit Konzeptionsarbeit beschäftigt. Das findet ja vor allem im Büro statt und deshalb waren persönliche Anfeindungen kein Thema. Wir beobachten aber sehr wohl, dass auf unseren Social-Media-Kanälen antisemitische Kommentare abgesetzt werden, die wir schnellstmöglich löschen. Auch hier wäre eine bessere Finanzierung hilfreich. Mit den aktuellen Stellen ist eine sofortige Reaktion leider nicht immer zu bewerkstelligen. 

Meine eigenen Erfahrungen bei Präsenzveranstaltungen umfassen keine Aggressionen, die auf mich persönlich abgezielt hätten. Was es aber häufig gibt, ist die unbewusste Äußerung antisemitischer Vorstellungen oder auch bewusst antisemitische Ausfälligkeiten. Darauf muss man – gerade bei Jugendgruppen – dann pädagogisch sinnvoll reagieren. Dabei ist es besonders wichtig, mögliche Betroffene im Blick zu haben und auch die anderen Anwesenden, also die bystanders, zu adressieren.
Caterina Zwilling
Expertin für das Thema Antisemitismus

Wie soll es mit eurem Projekt weitergehen? Und wie kann man euch dabei unterstützen? 

Wir sind dabei, die Konzepte für den Einsatz unserer Website in angeleiteten Bildungsprozessen auszuarbeiten, die wir im Laufe des Jahre 2024 veröffentlichen werden. Parallel dazu machen wir „An-allem-schuld“ über verschiedene Kanäle bekannt. Wir führen Veranstaltungen mit Multiplikator:innen durch, veröffentlichen Artikel in Fachzeitschriften und sind weiter auf Social Media aktiv.  

Ende des Jahres läuft die aktuelle Förderung aus. Dann stehen uns für Hosting und Wartung der Website, aber auch für inhaltliche Aktualisierungen keine Mittel mehr zur Verfügung. Die Seite dann einfach so brach liegen zu lassen, ist sicherlich keine gute Option. Wir hoffen sehr, dass wir da für die Folgejahre noch Gelder akquirieren können. Großartig wäre es natürlich auch, wenn man das Angebot noch ausbauen könnte, etwa durch eine Übersetzung der Website in einfache Sprache oder in andere Sprachen.

Unterstützen kann man uns übrigens ganz einfach: durch Werbung für „An-allem-schuld“ in der Schule und in außerschulischen Bildungskontexten, sowie digital durch liken, sharen und verlinken.  

Danke für das Interview und den Einblick in eure Arbeit!

Wir freuen uns, mehr von euch zu hören und wünschen euch für alles weiterhin viel Erfolg. 

Foto Mieke Blunck
Autor*in

Mieke Blunck

(sie/ihr) Bundesfreiwillige

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