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Portrait

Portrait Kreisau Initiative e.V.

Foto: Kreisau Initiative e.V.
Foto: Stiftung Kreisau

Ihr habt in diesem Jahr den NETTZ-Förderpreis gewonnen für das Projekt “weneedtotalk”. An wen richtet sich die Initiative? Wer soll mit wem reden?    
Das Projekt wurde umbenannt und trägt nun den Namen “Creating Space: A Digital Future with Ethics in Mind”. Die Projektidee bleibt aber die Gleiche. Der Ausgangspunkt war, dass wir als Bildungsträger in der politischen Bildung verstärkt den Bedarf sehen, politische Bildung und Medienkompetenz nicht mehr getrennt zu betrachten. Vielmehr gibt es einen klaren Handlungsbedarf, Medienkompetenz um eine digitale Medienethik-Kompetenz zu erweitern, denn Informationen und Aufklärung reichen im Umgang mit Medien für ein verantwortungsbewusstes Handeln in der digitalen Gesellschaft nicht mehr aus. Es braucht wegweisende Orientierung und ein stabiles Wertegerüst im virtuellen Raum. 

In dem ukrainisch-deutsch-polnischen Projekt entsteht eine digitale Methodensammlung für den non-formalen Bildungsbereich, die grundlegend das Bewusstsein für digitale Werte fördert und langfristig durch wertebasiertes Arbeiten befähigen soll, gegen Hass im Netz aufzustehen, statt nur zu beschützen und aufzuklären. Offline und online zielt es auf eine Stärkung der Persönlichkeit von jungen Menschen, auf Selbstreflexion, die Förderung von Empathie und die Auseinandersetzung mit Diversität ab. Ziel ist, durch einen innovativen Bildungsansatz der Abwertung im digitalen Raum mit Wertschätzung zu begegnen und den Herausforderungen mit kollektivem Verhalten und Zusammenhalt standzuhalten. Die Bildungsmaterialien, die im trilateralen Kontext mit Multiplikator*innen aus der Ukraine, Deutschland und Polen entstehen, werden für Menschen, die im formalen und non-formalen Bildungsbereich tätig sind, zugänglich sein und digitale Zivilcourage und eine positive Debattenkultur fördern. 

Kreisau
Foto: Stiftung Kreisau

Wie schafft ihr es, dass konstruktiv und wertschätzend gesprochen wird?     
In der Medienpädagogik werden die Beziehungen zwischen sozialen Medien und den Menschen, also der Innenperspektive der User*innen, noch zu wenig beachtet. Die neuen Herausforderungen im Netz fördern radikale Tendenzen und werden von ungleichen Machtverhältnissen und negativen Stereotypen angetrieben. In den letzten Jahren ist dies zu einem echten Problem für die Demokratie geworden. 
Die digitale Methodensammlung entwickelt die Kreisau Initiative e.V. gemeinsam mit der Stiftung “Krzyżowa” für europäische Verständigung. Das Dorf Kreisau bietet dabei mit seinem historischen Erbe des Kreisauer Kreises und ihrer heute ansässigen Stiftung, die im Bereich der politischen Bildung tätig ist, den idealen Ort für den Spagat zwischen historischem Wissen und der Übertragung dessen in die Gegenwart. Zugleich ist Kreisau ein wichtiges Element der deutsch-polnischen Geschichte und eignet sich deshalb sehr für das Projekt. Dass sich in Kreisau mit neuen demokratiegefährdenden Tendenzen auseinandergesetzt wird, steht im Einklang mit dem Ort.

Hier begegnen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Grundlage für die Bildungsarbeit an diesem Platz ist ein konstruktiver und wertschätzender Dialog, der auf vier Fundamenten basiert: Mut, Europa, Zukunft und Gedächtnis.
Charlotte Lohmann
Projektleiterin

Die Ideen des widerständigen Kreisauer Kreises waren eine Aufforderung: im Hier und Jetzt gegen erkanntes Unrecht aufzubegehren. Der virtuelle Raum ist voller Unrecht und voller Gefahren für eine demokratische Zukunft. Die Bildungsmaterialien werden es jungen Menschen ermöglichen, ihren eigenen Umgang mit Medien/sozialen Medien zu reflektieren. Es wird Raum gegeben für ihre Beobachtungen, eigene Kritikpunkte und die Reflexion des eigenen Verhaltens. Diese Auseinandersetzung wird eine Basis schaffen, um über Werte ins Gespräch zu kommen. Das Leitziel ist mit jungen Menschen auf Augenhöhe darüber zu diskutieren, welches Werte- und Demokratieverständnis wir im Alltag offline und online brauchen, um zu wissen, wie wir couragiert gegen Diskriminierung und Ausgrenzung handeln können.

Neben dem personenorientierten Ansatz, der zur Selbstreflexion befähigt, werden Lerneinheiten entwickelt, die unterschiedliche Diskriminierungsformen erklären und deren Überlappungen thematisieren, um für menschenverachtende Inhalte und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu sensibilisieren.     
Gleichzeitig ist die Stärkung der Teilnehmer*innen im Umgang mit selbst erlebten Diskriminierungserfahrungen ein Thema.

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Foto: Stiftung Kreisau

Warum startet ihr ein trilaterales Projekt?     
Der Austausch und die Vernetzung von Multiplikator*innen gewährleistet einen möglichst diversen Blick auf die Fragestellung, wie wir mit Herausforderungen im Internet umgehen wollen.
Diese Debatten werden auch mit Blick auf den europäischen Kontinent geführt, denn die Herausforderungen im Netz beeinflussen die Zukunft Europas und langfristig auch seine Demokratien. Durch die trilaterale Perspektive blicken wir auch auf die Nachbarschaftsbeziehungen der beteiligten Länder und begegnen den transnationalen Herausforderungen. Es ist bewiesen, dass gezielt Fake News & Hassrede verbreitet werden, die Politik und Beziehungen zwischen Staaten beeinflussen, u.a. von Trollfabriken in Polen und Deutschland. 

Die Teilnehmer*innen mit den verschiedenen Hintergründen sollen die Möglichkeit bekommen, sich und ihre unterschiedlichen Arbeitsweisen kennenzulernen, sich über Innovationen auszutauschen und sie jeweils in ihrem Land für den Bildungsbereich nutzbar zu machen.

Im Dezember fand die Kick-Off-Veranstaltung des Projektes statt. Wie lief das? 
Es war magisch und der Run auf das Projekt verdeutlicht den starken Bedarf für diese Art von Trainings. Besonders bereichernd waren die unterschiedlichen Perspektiven der Teilnehmer*innen aus den verschiedenen Ländern und die unterschiedlichen beruflichen Hintergründe. Besonders spannend für die Teilnehmer*innen aus Deutschland und Polen war der Umgang mit Fake News in der Ukraine. Es gab einen großen Aha-Effekt, als in den Diskussionen immer deutlicher wurde, wie die Herausforderungen auch die internationalen Beziehungen zwischen Ländern beeinflussen. Ein Teil des Programms basierte auf der Methode des Barcamps und wurde von den Teilnehmer*innen selbst gestaltet, indem sie sich gegenseitig ihre Best-Practice-Beispiele vorstellten.

Die angewendeten Methoden machten nicht nur die Herausforderungen des Internets sichtbar, sondern zeigten auch auf, dass der virtuelle Raum voller Möglichkeiten ist. Deutlich wurde vor allem, dass wir Regeln und einen Rahmen im digitalen Raum brauchen. Es gilt das Verhalten im digitalen Raum ständig zu reflektieren und sich bewußt zu machen, dass dieser längst Teil unseres Lebensraums ist. Eine wesentliche Erkenntnis war, dass wir das Internet nicht den Menschen überlassen können, die die Menschenrechte und die demokratischen Werte mit Füßen treten.

Ich fand das Projekt fantastisch. Nicht nur, dass mir die Methoden selbst Spaß gemacht haben und ich viel Neues dazugelernt habe, auch die Reflexion, wie ich diese Methoden in meinem Arbeitsumfeld einsetzen kann, waren äußerst hilfreich. Das Projekt hat mir die Augen dafür geöffnet, wie ich digitale Tools und Themen im Kontext von historischer und politischer Jugendbildung effektiv anwenden kann.
Workshop-Teilnehmerin
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Was steht als nächstes an? 
Erfreulicherweise sind weitere Kooperationspartner*innen wie die Berghof Foundation dazugekommen. Das trilaterale Projekt wird nun ein ganzes Jahr laufen können und größer werden. An Bord sind tolle Partner*innen aus Deutschland, Polen und der Ukraine.
Euer Event war wirklich der Startschuss für eine größere Sache.
Ich habe Vertreterinnen der Berghof Foundation beim Community Event im Juni kennengelernt. Eine weitere tolle Vernetzung ist dort zu Stande gekommen mit Richard Schut, der nun bereits zum zweiten Mal nach Kreisau gekommen ist und einen Workshop leitet. Auch das Gewinnerprojekt Open History wird nach Kreisau kommen. Der Name Vernetzungsstelle hat wirklich seine Berechtigung! Vielen, vielen Dank für alles und eure wichtige Arbeit!

Charlotte
Foto: Das NETTZ

Wie kann man sich bei euch einbringen? Sucht ihr Unterstützung?  
Nach dem Kick-Off folgen im Jahr 2020 weitere Projekt-Treffen in Kreisau. Die Informationen dazu werden bald auf unserer Homepage veröffentlicht. Weitere Teilnehmer*innen sind herzlich willkommen.
Außerdem finden in der internationalen Jugendbegegnungsstätte in Kreisau/Krzyżowa bereits bilaterale Jugendbegegnungen zwischen Deutschland und Polen zum Thema “Digitaler Mut” statt. Wer erfahren möchte, wie man Influencer*in für Menschenrechte werden kann oder wie man eine deutsch-polnische Jugendbegegnung organisiert, kann sich gerne an uns wenden: mdsm@krzyzowa.org.pl

Autor*in

Barbara Djassi

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