10 Jahre Community Event: Gemeinsam Zuversicht gestalten
Was gibt uns Zuversicht in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, wachsender Unsicherheit und politischer Herausforderungen? Und wie können wir als Community handlungsfähig bleiben, wenn die Themen, für die wir uns einsetzen, uns manchmal an unsere Grenzen bringen?
Diesen Fragen widmete sich das 10. Community Event von Das NETTZ am 11. Juni 2026 im Berlin Global Village. Unter dem Motto „Come together, right now – Zusammenhalt in schwierigen Zeiten“ kamen Engagierte aus der Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Bildung und Politik zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam Kraft für die kommende Zeit zu schöpfen.
Ankommen, Vernetzen, Feiern
Schon beim Check-in wurde deutlich, worum es beim Community Event seit nunmehr zehn Jahren geht: Begegnung. An der VerNETTZungswand entstanden erste Gespräche, neue Kontakte wurden geknüpft und bekannte Gesichter herzlich wiedergetroffen.
Nach einem gemeinsamen Warm-up eröffnete Moderatorin Isabelle Dikumbi Rivera den Tag. Anschließend begrüßten die Co-Geschäftsführerinnen von Das NETTZ, Hanna Gleiß und Nadine Brömme, die Teilnehmenden. Neben einem Blick auf aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen warf Nadine Brömme anhand von Fotos der vergangenen Jahre einen bewegenden Blick zurück auf zehn Jahre Community Event und auf die vielen Menschen, Projekte und Beziehungen, die unsere Arbeit geprägt haben.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass dieses Jubiläum in eine Zeit großer Herausforderungen fällt. Hanna Gleiß erinnerte daran, wie sich das Engagement gegen Hass im Netz in den vergangenen zehn Jahren professionalisiert und vernetzt hat und wie wichtig Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Akteur*innen für eine demokratische digitale Öffentlichkeit ist. Sie verwies auf die aktuell zunehmenden Unsicherheiten in der Förderlandschaft und die Gefahr, dass wichtige zivilgesellschaftliche Strukturen und Kompetenzen verloren gehen könnten.
Dem stellte Nadine Brömme einen Gedanken entgegen, der den gesamten Tag prägen sollte: Gerade in schwierigen Zeiten brauche es Zusammenhalt und Zuversicht. „Wir haben die Pflicht zur Zuversicht. Nicht weil wir naiv sind, sondern weil Demokratie ohne Zuversicht nicht funktioniert“, betonte sie. Wer nicht daran glaube, dass Veränderung möglich sei, werde nicht handeln. Umso wichtiger seien Räume wie das Community Event, in denen Begegnung, Austausch und gemeinsames Lernen möglich werden.
Wir haben die Pflicht zur Zuversicht. Nicht weil wir naiv sind, sondern weil Demokratie ohne Zuversicht nicht funktioniert.
Begegnung schafft Zuversicht
Den inhaltlichen Auftakt gestaltete Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen mit seiner Keynote „Auf die Begegnung kommt es an! – Warum Zuversicht im Miteinander entsteht“. Dabei stellte er eine zentrale Frage: Wie entsteht gesellschaftlicher Wandel?
Krauthausen plädierte dafür, die eigene Bubble immer wieder bewusst zu verlassen und Begegnungen zu schaffen, nicht nur mit Gleichgesinnten, sondern auch mit Menschen, die bislang keinen Zugang zu den eigenen Themen haben. Wer gesellschaftliche Wirkung entfalten wolle, müsse den Dialog suchen und Menschen für die eigenen Anliegen gewinnen.
Besonders eindrücklich war sein Gedanke, dass viele gesellschaftliche Veränderungen nicht primär durch Aufklärung, sondern durch Begegnung entstehen. Am Beispiel von Inklusion kritisierte er die weit verbreitete Annahme, Menschen müssten zunächst umfassend geschult werden, bevor sie Vielfalt begegnen könnten. Oft werde behauptet, zuerst müssten „Barrieren in den Köpfen“ abgebaut werden. Doch wenn Vorurteile und Unsicherheiten tatsächlich existieren, so Krauthausen, sei die wirksamste Antwort nicht ein weiteres Buch oder Video, sondern die direkte Begegnung mit Menschen.
Auch die Rolle von Kultur und Popkultur als Motor gesellschaftlicher Veränderungen hob er hervor. Viele Entwicklungen der vergangenen Jahre, etwa die stärkere gesellschaftliche Sichtbarkeit und Normalisierung queerer Lebensrealitäten, seien nicht allein durch politische Debatten, sondern auch durch kulturelle Repräsentation vorangetrieben worden.
Lasst alles raus!
Nach einer kurzen Pause wurde es praktisch: In vier parallelen Workshops konnten die Teilnehmenden ihre eigenen Emotionen, Erfahrungen und Ressourcen auf ganz unterschiedliche Weise erkunden.
Gemeinsam schreien, gemeinsam stärken
Im Screaming-Workshop von Carolina Tamayo Rojas ging es darum, die eigene Stimme neu kennenzulernen und Emotionen hörbar werden zu lassen.
Viele Teilnehmende berichteten von Wut über aktuelle politische Entwicklungen, aber auch von Scham und Unsicherheit im Umgang mit lautem Ausdruck. Durch Körperübungen, Stimmtraining und gemeinsames Schreien entstand nach und nach ein Raum, in dem Hemmungen abgebaut und Gefühle kollektiv verarbeitet werden konnten.
Was zunächst ungewohnt wirkte, entwickelte sich zu einer kraftvollen Erfahrung von Gemeinschaft und Verbundenheit. Wie Carolina Tamayo Rojas selbst feststellte:
Es passt gut zum Motto des Community Events. Gemeinschaft stärkt uns in Momenten der Vulnerabilität.
Wut als Wegweiser
Im Bodywork-Workshop von Isabelle Dikumbi Rivera stand die Wut im Mittelpunkt, nicht als Problem, sondern als Ressource.
Mit Embodiment-Übungen, Reflexionsphasen und kreativen Methoden näherten sich die Teilnehmenden ihrer Wut auf körperlicher Ebene. Dabei ging es nicht darum, Wut einfach loszuwerden, sondern sie besser zu verstehen.
„Wut ist ein Motor für Veränderung“, betonte Dikumbi. „Wut zeigt uns, wo eine Grenze ist, wo ein Bedürfnis liegt. Unsere Wut möchte mit uns sprechen.“
Gleichzeitig wurde deutlich, dass es eine Balance braucht: Zu viel Wut kann lähmen, zu wenig Wut kann notwendige Veränderungen verhindern.
Ressourcen sichtbar machen
In der Ressourcenreise mit Julia Duffy-Kandzia begaben sich die Teilnehmenden auf eine geführte innere Entdeckungsreise. Ausgehend von persönlichen Werten, Fähigkeiten und Träumen entstand Raum für Reflexion, Selbststärkung und neue Perspektiven.
Entlag eines Bildes des persönlichen Lebensbaums erkundeten die Teilnehmenden ihre Wurzeln, Stärken und Ressourcen. Dabei entstand Raum für Reflexion und die Frage, was ihnen in herausfordernden Zeiten Halt und Kraft gibt.
Gemeinsam kreativ werden
Im Improtheater-Workshop mit Josh Telson und Antonia Baer haben sich die Teilnehmenden in Vertrauen, Spontanität und im gemeinsamen Ausprobieren geübt. Sie kamen miteinander ins Gespräch, lernten einander durch Impro-Games und kreative Szenarien auf neue Weise kennen und erlebten, wie viel entstehen kann, wenn Erwartungen und Perfektionsansprüche einmal außen vor bleiben.
In lockerer Atmosphäre wurde gelacht, improvisiert und spontan aufeinander reagiert. Dabei ging es nicht darum, besonders schlagfertig oder kreativ zu sein, sondern darum, gemeinsam einen Raum zu schaffen, in dem wertfreie Kommunikation, gegenseitige Unterstützung und Freude am Miteinander im Vordergrund stehen.
Eure Themen, eure Räume
Nach dem gemeinsamen Mittagessen und dem traditionellen Gruppenfoto ging es in die Open Spaces, ein Programmpunkt, bei dem die Community selbst die Themen setzt.
Die eingebrachten Fragen spiegelten dabei viele der Herausforderungen wider, die die Teilnehmenden aktuell in ihrer Arbeit beschäftigen: Wie wirken digitale und analoge Lebenswelten in Radikalisierungsprozessen zusammen? Wie können wir Geschichtsrevisionismus wirksam entgegentreten? Welche Finanzierungsmodelle braucht die Demokratieförderung jenseits öffentlicher Mittel? Und wie schaffen wir Räume, in denen Menschen einander wirklich zuhören?
Genauso ging es aber auch um die persönliche Ebene des Engagements. In einem Open Space tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, wie wir Fehlerkultur stärken können unter dem Motto: „Wir alle stecken in derselben Scheiße. Wir alle machen Fehler.“ Andere diskutierten darüber, wie sich Ambivalenzen aushalten lassen, oder teilten ihre Ängste und Hoffnungen für die Zukunft Europas und der internationalen Zusammenarbeit.
Die Open Spaces machten einmal mehr deutlich, dass die Stärke der Community nicht nur im Austausch von Fachwissen liegt. Sie entstehen dort, wo Menschen ihre Erfahrungen, Unsicherheiten und Ideen miteinander teilen und gemeinsam nach Antworten auf Fragen suchen, für die es oft noch keine einfachen Lösungen gibt.
Ein poetischer Rückblick auf den Tag
Am Nachmittag versammelten sich alle Teilnehmenden noch einmal im Plenum. Der Spoken-Word-Künstler Julian Heun hatte das Community Event den ganzen Tag begleitet und präsentierte in der Abschlussrunde ein eigens entstandenes Poetic Recording. Mit feinem Gespür griff er gesammelte Gedanken, Stimmungen und Begegnungen auf und schuf einen lyrischen Rückblick, der viele Teilnehmende berührte und zum Nachdenken anregte.
Zehn Jahre Community Event
Mit dem offiziellen Programm endete der Tag jedoch noch lange nicht. Denn anschließend wurde gefeiert: Zehn Jahre Community Event. Bei Drinks, Kuchen, vielen Gesprächen und Live-Musik der Band Gnomes kamen alte Weggefährt*innen, langjährige Community-Mitglieder und neue Gesichter zusammen.
Gerade in Zeiten, in denen zivilgesellschaftliches Engagement vor großen Herausforderungen steht, wurde an diesem Abend deutlich, wie wichtig Räume für Austausch, gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Feiern sind. Oder, um es mit einem der zentralen Gedanken des Tages zu sagen: Zuversicht entsteht nicht allein. Sie wächst in der Begegnung mit anderen.
Formate wie das Community Event kannst du jederzeit mit deiner Spende für unsere Arbeit unterstützen.
Förderhinweis
Das Community Event ist eine Veranstaltung von Das NETTZ als Teil von toneshift – Netzwerk gegen Hass im Netz und Desinformation und wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Deutschen Postcode Lotterie.
Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.
Emine Aslan
(-/-) Online-Redakteur*in