Leave them kids alone?! Einblicke in die Perspektiven und Handlungsempfehlungen junger Menschen zur Social-Media-Debatte
In aktuellen Debatten wird intensiv über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert – doch was sagen junge Menschen selbst dazu? Wir haben nachgefragt: Am 25. März 2026 diskutierten wir im NETTZ.Gespräch „Leave them kids alone?! Junge Perspektiven auf die Social-Media-Debatte“ mit vier jungen Expert*innen – Lilo Kranich (Landesschülerausschuss Berlin), Amin Baahmad (Schauspieler & Redakteur), Sophie Becker (Jugendbeirat klicksafe) und Greta Bernstone (JUUUPORT) über mögliche Verbote, Plattformregulierung und Unterstützungsangebote. Mehr über unsere Speaker*innen erfahrt ihr in unserem letzten Blogbeitrag.
Soziale Netzwerke sind heute ein fester Bestandteil des Alltagslebens der meisten Jugendlichen. Sie dienen ihnen aber nicht nur zur Unterhaltung – sie eröffnen auch neue Räume für Austausch, Identifikation und Teilhabe. Im Gegensatz zu etablierten Medien ermöglichen soziale Plattformen eine „Bottom-up“-Dynamik, so dass Nutzende eigene Themen setzen und deren gesellschaftliche Relevanz sichtbar machen können.
In der Diskussion ihrer eigenen Erfahrungen betonen die Speaker*innen im Gespräch insbesondere auch die Bedeutung des Community-Buildings: Soziale Medien eröffnen neue Möglichkeiten der globalen Vernetzung rund um geteilte Interessen. Diese digitalen Räume wirken identitätsstiftend und ermöglichen sozialen Austausch über Ländergrenzen hinweg, beispielsweise in der queeren Community. Gleichzeitig werden gemeinsame Aktivitäten wie das Anschauen von TikToks, Gaming oder das Teilen von Memes und viralen Trends als eine neue Form sozialer Interaktion verstanden.
Die Probleme sind real – aber ein pauschales Verbot ist keine Lösung
Auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen weisen unsere Speaker*innen aber auch eindrücklich auf die bestehenden Gefahren im Umgang mit sozialen Medien hin. Greta Bernstone berichtet, dass die Peer-to-Peer-Berater*innen bei JUUUPORT täglich mit Fällen von Cybermobbing oder digitaler sexualisierter Gewalt in Form von Cybergrooming oder unangemessenem Sexting konfrontiert sind.
Außerdem wird von den vier Gäst*innen betont, dass insbesondere während der Corona-Pandemie viele junge Menschen einen Großteil ihres Alltags in sozialen Medien verbrachten – oft mangels alternativer sozialer Räume. Dadurch rückten auch die Plattformlogiken stärker in den Fokus: Algorithmisch gesteuerte Inhalte und endloses Scrollen bergen ein erhebliches Suchtpotenzial. Gleichzeitig könnten diese Dynamiken auch Risiken wie die schleichende Radikalisierung verstärken, da Nutzer*innen zunehmend in einseitige Informationsräume geraten.
Im schlimmsten Fall ist man zwei Minuten zu lange im Livestream eines dubiosen Creators und dann schickt dich der Algorithmus in eine Ecke, in der du nur noch zwei Swipes von Radikalisierung und Verschwörungstheorien entfernt bist.
Trotz der bestehenden Gefahren waren sich unsere Speaker*innen darüber einig, dass die Debatte um ein Social-Media-Verbot verkürzt geführt werde und ein pauschales Verbot nicht die Lösung sein könne. Denn ein solches Verbot würde Probleme eher verschieben und verschleiern, als sie wirklich an der Wurzel anzugehen.
Stattdessen müssen wir daher eine differenzierte Debatte darüber führen, welche Angebote und Regulierungen wir benötigen, um Kinder und Jugendliche wirklich zu schützen und präventiv gegen die bestehenden Gefahren zu arbeiten.
Erweiterung von Medienkompetenzen
Ein besonderer Fokus sollte dabei auf dem Ausbau von Medienkompetenzen liegen.
Wir plädieren ganz stark für eine Entwicklung von Medienkompetenz, die durch ein Verbot nicht automatisch entsteht – eher im Gegenteil. Mit dem Verbot nutzt man bis 14 oder 16 – offiziell – keine Plattform und sobald man alt genug ist, hat man freien Zugang zu allem und ist total unvorbereitet. Darin sehen wir eine große Gefahr.
Insbesondere die Einführung von Medienkompetenz als eigenes Schulfach wird in der Diskussion begrüßt. So kann ein grundlegendes Verständnis für die Logiken und Funktionsweisen von Social Media, aber auch für andere digitale Themen wie Künstliche Intelligenz erlernt werden. Dafür müssten auch Lehrkräfte entsprechend ausgebildet werden. Die Zielgruppe bei der Erweiterung von Medienkompetenzen sollten demnach nicht nur die Jugendlichen sein:Insbesondere auch Lehrkräfte und Eltern müssen sich in diesen Themen auskennen.
Ausbau von Präventions- und Schutzangeboten
Auch Präventionsangebote und Schutzmaßnahmen müssen weiter ausgebaut werden. Lilo berichtet, dass sie als Landesschülerrat bei den Kindern und Jugendlichen einen hohen Gesprächsbedarf wahrnehmen. Daher benötigt es Räume, in denen Erlebnisse und Bilder aus Online-Räumen verarbeitet und eingeordnet werden können. Außerdem muss das Wissen um bestehende Schutzkonzepte besser verbreitet und durch Kinder und Jugendliche verinnerlicht werden, so dass diese immer wissen, was sie tun können, wenn sie digitale Gewalt oder ähnliches erleben.
Wenn es genug Wissen gibt und man das so verinnerlicht wie die Nummer der Polizei, so dass man weiß, wenn etwas passiert: Ich bin nicht alleine, ich kann mit jemandem sprechen, ich kann Screenshots machen und Beweise sichern – wenn man diese Punkte verinnerlicht hat und sich in der Panik nicht alleine fühlt – dann ist schon vielen geholfen.
Soziale Medien sind ein öffentlicher Raum – daher dürfen auch Schutz und Prävention nicht in den privaten Raum verlagert werden, so der Konsens unter den Speaker*innen.
Konsequente Plattformregulierung
In der Diskussion wurde auch der Ruf nach einer stärkeren Regulierung von Plattformen laut. Unsere Speaker*innen forderten die konsequentere Durchsetzung bestehender Regeln, insbesondere beim Jugendschutz. Dazu gehört auch, strukturelle Mechanismen zu hinterfragen: Suchtfördernde Designgrundlagen wie endloses Scrollen oder algorithmisch gesteuerte Inhalte sollten eingeschränkt werden.
Auch politische Maßnahmen wurden gefordert, etwa eine verlässliche Altersverifikation sowie eine Art Gefahreneinstufung für soziale Netzwerke, die über Risiken wie Doomscrolling oder algorithmische Verzerrungen aufklärt.
Kontrovers diskutiert wurden Fragen rund um Anonymität und Klarnamenpflicht, bei denen Datenschutzaspekte sorgfältig abgewogen werden müssen. Einigkeit bestand jedoch darin, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf – auch wenn es in der Praxis oft so wahrgenommen wird. Daher braucht es wirksame Moderation und klare Verantwortlichkeiten seitens der Plattformen.
Ausblick und Handlungsperspektiven
Unser NETTZ.Gespräch hat gezeigt, dass die Debatte um ein Social-Media-Verbot häufig verkürzt geführt wird und eine differenzierte Auseinandersetzung – insbesondere von politischer Seite – dringend notwendig ist.
Kinder und Jugendliche sind durchaus in der Lage, Risiken und Gefahren sozialer Medien zu erkennen und einzuordnen. Um jedoch nachhaltigen und wirksamen Schutz zu gewährleisten, sollte der Fokus verstärkt auf die Förderung von Medienkompetenz, den Ausbau zielgerichteter Präventions- und Schutzmaßnahmen sowie auf eine konsequente Regulierung der Plattformen gelegt werden, anstatt auf pauschale Verbote zu setzen.
Nur so kann eine Balance zwischen Schutz, Teilhabe und Selbstbestimmung geschaffen werden, die der Lebensrealität junger Menschen gerecht wird und ihre Perspektiven aktiv in gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse einbezieht. Wir bedanken uns abschließend noch einmal bei unseren Speaker*innen, deren differenzierte und kluge Perspektiven uns und das Publikum gleichermaßen beeindruckt haben.
Das gesamte Gespräch kann jetzt hier auf unserem YouTube-Kanal nachgeschaut werden.
Förderhinweis:
Das NETTZ.Gespräch ist eine Veranstaltung von Das NETTZ als Teil von toneshift – Netzwerk gegen Hass im Netz und Desinformation und wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie von der Deutschen Postcode Lotterie. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.
Joy Hwang
(sie/ihr) Werkstudentin