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Portrait

Portrait DADDY - Online-Magazin für Diversifizierung der Medienlandschaft

Hassrede
DADDY-Team  |  © Foto: Gerrit Köhler

Kemi Fatoba ist eine freiberufliche Journalistin und die Mitgründerin von DADDY, einem in Berlin ansässigen Online-Magazin, dessen Schwerpunkt auf der Diversifizierung der Medienlandschaft liegt. Kemi wurde in Wien geboren, zog nach ihrem Abschluss an der Universität Wien (Kommunikationswissenschaften) nach London und lebt heute in Berlin, wo sie über Identität, Kultur und Repräsentation schreibt.

Wie seid ihr dazu gekommen DADDY Magazine zu gründen? 
DADDY ist ein Projekt, das aus Frustration über den Mangel an Vielfalt in der deutschen Medienlandschaft entstand. Wir wollten auf eine zugängliche, humorvolle Art über Themen schreiben, die in traditionellen Medien kaum vorkommen und uns dabei auf Perspektiven von Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, konzentrieren. Mittlerweile veranstalten wir auch Panel Talks, Ausstellungen, Literaturlesungen und Parties. Das letzte Projekt, an dem wir gemeinsam mit OTV, einer Chicagoer Plattform für diverse Webserien, arbeiteten, war der Kurzfilm-Wettbewerb #BraveFutures. Die Filme, die dabei entstanden sind, waren intersektional und wunderschön.

Wer sind eure Leser*innen? 
Wir publizieren auf Englisch, daher haben wir viele internationale Leser*innen. Ich bin immer wieder überrascht, aus welchen Ländern uns Menschen schreiben und habe das Gefühl, dass der Grossteil unserer Leser*innen sich schon länger mit Themen rund um Identität beschäftigt. Wir sind bemüht, zugänglich und verständlich zu sein, aber Aufklärungsarbeit ist nicht unser Fokus.

Ihr thematisiert schmerzhafte Themen wie Sexismus, Rassismus u.a. Was möchtet ihr konkret verändern? 

Wir interessieren uns bei diesen Themen ausschließlich für die Perspektive von Betroffenen. Gleichzeitig wollen wir Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, nicht auf Betroffenheitsgeschichten reduzieren, was traditionelle Medien gerne tun.
Kemi Fatoba
Mitgründerin, DADDY Magazine

Wir wollen unseren Autor*innen die Möglichkeit geben, sich in einem Safe Space über ihre Erfahrungen zu äußern. Die Künstler*innen, mit denen wir arbeiten, haben ebenfalls diese Freiheit.

Bekommt ihr regelmäßig Hasskommentare? Wie geht ihr damit um? 
Eher selten. Das liegt sicher auch daran, dass wir keine Kommentarfunktion auf unserer Website haben, was eine bewusste Entscheidung war, denn wir haben weder Zeit noch Lust, uns mit Trollen abzugeben. Manchmal melden sich Leute aus der Community und kritisieren bestimmte Wordings, etwa wenn sie nicht inklusiv genug sind. Wenn das passiert, dann ist der Ton aber immer respektvoll und wir wissen es auch zu schätzen, wenn wir auf diese Dinge aufmerksam gemacht werden, denn niemand ist frei von blinden Flecken.

In einem deiner Artikel schreibst du: “Berlin is popularly considered to be Germany’s progressive hope but ask a Black person living here and they will have many stories to tell about strange encounters with white people – from being stared at on public transport to terrified women holding tighter to their handbags when they see Black men, to being told to speak quietly in clubs or restaurants – the list is pretty long.” Hast du das Gefühl, da gibt es eine Veränderung? 
Nein, das Gefühl habe ich nicht. In den letzten Wochen wurde ich zwar öfter mal von weißen Menschen auf der Straße freundlich angelacht aber ich führe das auf die aktuelle Situation und die Proteste zurück. Plötzlich herrscht ein Bewusstsein dafür, dass Rassismus auch in Deutschland ein Thema ist. Einerseits ist das eine gute Sache und es war auch schön, so viele Menschen bei den Demos zu sehen – andererseits habe ich mich auch gefragt, warum es so lange gedauert hat und wo diese Leute davor waren.

Schwarze Menschen setzen sich in Deutschland seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung ein und wir werden immer noch gefragt, ob es hier Rassismus gibt. Solche Fragen sind einfach dreist und ignorant. Sich erst jetzt damit zu befassen, ist ein Luxus, den wir nicht haben. Genau das ist White Privilege.
Kemi Fatoba
Mitgründerin, DADDY Magazine
Daddy Magazine auf dem CE'19
#CE19 NETTZ Community Event Juni 2019  |  © Foto: Andi Weiland

Was sind die größten Herausforderungen im Kampf gegen Rassismus?
Zu realisieren, dass die Arbeit jetzt erst beginnt. Aktuell ist Rassismus ein trending Topic aber wie geht es mit uns weiter, wenn die Medien sich wieder anderen Themen widmen? Was passiert nach der Betroffenheit und den Solidaritätsbekundungen? Was tun weiße Menschen dafür, dass “Diversität und Inklusion” nicht nur leere Schlagworte bleiben, sondern auch tatsächlich gelebt werden und Schwarze Menschen sich im Alltag nicht mehr alleine und isoliert fühlen?

Egoismus ist im Kampf gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen ein riesengroßes Problem. Wenn man nicht selbst von einem Problem betroffen ist, kann man sich leichter auf den eigenen Vorteil konzentrieren und in die andere Richtung schauen.
Kemi Fatoba
Mitgründerin, DADDY Magazine

Ich hoffe, dass mit diesem neuen Bewusstsein auch Veränderungen einhergehen, denn wenn wir Rassismus aus der Welt schaffen wollen, geht das nur gemeinsam. Schwarze Menschen haben die Vorarbeit geleistet und jetzt sind weiße Menschen an der Reihe, mitzuziehen.

Was wünschst du dir von der weißen Mehrheitsgesellschaft Deutschland und im speziellen von der engagierten Zivilgesellschaft? 
Solidarität, Durchhaltevermögen und Zivilcourage, denn es geht hier um Menschenrechte.

Kann man euch bei eurer Arbeit unterstützen?
Wir arbeiten aktuell an unserer ersten Printausgabe, die im November erscheinen wird. Da das Projekt selbstfinanziert ist, freuen wir sehr uns über Geldspenden

Möchtet ihr sonst noch was loswerden?
Ich würde gerne weißen Leser*innen mitgeben, dass anti-rassistische Arbeit im eigenen Umfeld beginnt. In der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz usw. Die Hälfte meiner Familie ist weiß und ich führe schon mein Leben lang unangenehme Gespräche mit Teilen meiner Verwandtschaft, wenn es um Rassismus geht. Es ist definitiv unangenehm und ruiniert vielleicht den Abend aber diese Gespräche sind wichtig, denn Schwarze Menschen sterben wegen diesen Vorurteilen.

Hanna Gleiß / Das NETTZ / Projektleitung mit Schwerpunkt Networking und Management
Autor*in

Hanna Gleiß

Das NETTZ: Projektleitung mit Schwerpunkt Networking und Management
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