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Portrait

Portrait Gender Equality Media

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Bild: Gender Equality Media

Das Projekt #UnfollowPatriarchy gehört zu den NETTZ-Förderpreisgewinner*innen. Britta Häfemeier, Anne Jacob und Johanna Polle von Gender Equality Media e.V. erzählen, worum es dabei geht und wie sie das Projekt umsetzen.

Das Interview führte Barbara Djassi

Ihr habt im Juni den NETTZ-Förderpreis gewonnen. Worum geht es bei eurem Projekt?
Johanna Polle: Gender Equality Media e.V. setzt sich für eine diverse und respektvolle Berichterstattung ein – frei von Sexismus und Rassismus. Mit unserer Kampagne #UnfollowPatriarchy deckt unser Team in eigenen Recherchen und Analysen medialen Sexismus auf und weist die verantwortlichen Journalist*innen persönlich darauf hin, vor allem online auf Twitter und per E-Mail. Dadurch wollen wir ein größeres Bewusstsein für medialen Sexismus schaffen. Zudem suchen wir den direkten Dialog mit gleichgesinnten Medienschaffenden, um gemeinsam einen Kulturwandel in Deutschlands Redaktionen zu erreichen.
Anne Jacob: Mit dem Preisgeld wollen wir als Teil von #UnfollowPatriarchy einen Webcrawler einrichten. Der wird uns helfen, systematisch über einen längeren Zeitraum hinweg handfeste Belege für medialen Sexismus zu sammeln und Entwicklungen zu beobachten. Zusammen mit unseren manuellen Medienscreenings bieten diese Daten dann eine Grundlage für die weitere Zusammenarbeit mit Journalist*nnen, damit die Medienlandschaft nachhaltig diskriminierungsfrei wird.

Der Webcrawler wird online Medien scannen. Gibt es eine bestimmte Menge an Schlagworten? 
Anne Jacob: Genau, der Webcrawler wird die größten überregionalen Medien Deutschlands online screenen. Hierfür haben wir zunächst einmal eine Anzahl von ca. 10-15 Schlagwörtern definiert. Das sind hauptsächlich  Wortkombinationen, die (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen* verharmlosen (z.B. „Eifersuchtstragödie”, „Familiendrama”, „Sex-Täter”). Aber auch nach Begriffen wie „Ehrenmord” sucht der Crawler, weil damit häufig auf die Herkunft oder Religion des Täters verwiesen wird und bei dieser Wortschöpfung Sexismus und Rassismus kombiniert werden. Außerdem wollen wir anhand des Crawlers schauen, inwiefern Medien schon Begriffe wie „Femizid” oder „Frauenmord” verwenden, um auf die Struktur hinter der Gewalt gegen Frauen* hinzuweisen.

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Bild: Gender Equality Media

Was konkret muss sich ändern, damit ihr das Gefühl habt, eure Arbeit ist erfolgreich? 
Britta Häfemeier: Unsere Arbeit  zeigt bereits Erfolge. Dazu zählt vor allem wenn wir Journalist*innen oder Redaktionen davon überzeugen können, sexistische oder verharmlosende Berichterstattung zu überarbeiten und nachhaltig zu vermeiden. Schritt für Schritt wächst durch unsere Öffentlichkeitsarbeit das Verständnis bei den Medien, warum ein „Sex-Täter” nichts in der Berichterstattung über eine Vergewaltigung verloren hat (Spoiler: Vergewaltigung ist kein Sex). Vielen Medien geht es dabei auch um Unterhaltung und Clickbaiting - denn sexism sells. Ein wichtiger Zwischenerfolg war aber auch, als die dpa  nach unserem Offenen Brief versprach, unsere Anregungen und Datensätze mit in ihre internen Diskussionen zu tragen. Langfristig ist aber natürlich unser Ziel, dass die Berichterstattung dauerhaft frei von Seximus ist. Das heißt, dass über Frauen* insgesamt genauso respektvoll wie über Männer* geschrieben wird,  Gewalt gegen Frauen* als strukturelles Problem ersichtlich  wird und die deutsche Medienlandschaft divers und inklusiv wird. 

Langfristig ist aber natürlich unser Ziel, dass die Berichterstattung dauerhaft frei von Seximus ist. Das heißt, dass über Frauen* insgesamt genauso respektvoll wie über Männer* geschrieben wird,  Gewalt gegen Frauen* als strukturelles Problem ersichtlich  wird und die deutsche Medienlandschaft divers und inklusiv wird. 
Britta Häfemeier
Gender Equality Media e.V.

Wenn ihr in der Öffentlichkeit einzelne mit eurer Kritik konfrontiert, kann es zu starken Gegenreaktionen kommen. Wie werdet ihr damit umgehen?
Johanna Polle: Bei den Reaktionen gibt es schon Unterschiede. Als wir 2014 mit unserer ersten Kampagne #StopBildSexism anfingen, gab es noch mehr Gegenwind. Da kam uns einiges entgegengeflogen, bis hin zu Beleidigungen und Drohungen von Trollen. Sowas ignorieren wir und konzentrieren uns stattdessen auf unsere Arbeit. Wir diskutieren auch nicht mehr mit jeder/m. Man merkt ziemlich schnell, ob Leute trollen wollen oder wirklich konstruktive Kritik anbringen. 

Anne Jacob: Bei #UnfollowPatriarchy konzentrieren wir uns nun stärker auf Medienschaffende. Und bisher waren die Journalist*innen, die wir auf Sexismus in ihren Beiträgen hingewiesen haben, ziemlich einsichtig. Fehler machen wir alle und bestenfalls lernen wir daraus. Aber wir ziehen auch diejenigen zur Verantwortung, die Sexismus systematisch in ihrer Arbeit einsetzen. Hierfür haben wir eine klare Argumentationsgrundlage, die durch unser öffentliches Forderungspaket gestützt wird. Diese Argumente kann man nur schwer ignorieren. 

Weshalb konzentriert ihr euch auf Twitter, wo doch diese Plattform in Deutschland nicht so stark genutzt wird? 
Britta Häfemeier: Beim deutschen Twitter treiben sich eben Medien und Journalist*innen herum und auch andere feministische Akteur*innen sind dort sehr aktiv - für uns ist Twitter also eine super Vernetzungsmöglichkeit. Das heißt wir können Journalist*innen und Redaktionen direkt antweeten und öffentlich auffordern, sexistische, gewaltverharmlosende oder rassistische Berichterstattung zu ändern oder unpassende Fotos auszutauschen. Unsere Erfahrung zeigt, dass dieses Vorgehen viel effektiver und erfolgreicher ist, als eine private E-Mail zu schicken, die schnell untergeht oder ignoriert wird. Bei Twitter befeuern auch andere User*innen unsere Tweets regelmäßig und helfen somit die verantwortlichen Redaktionen zu einer entsprechenden Reaktion zu bewegen. 

Seit 2014 untersucht ihr die Berichterstattung von BILD. Was habt ihr herausgefunden und wie habt ihr bisher eure Erkenntnisse an die Redaktionen adressiert? Was für Reaktionen gab es? 
Britta Häfemeier: Unsere mehrjährige Arbeit hat gezeigt, dass bei der BILD Personen sitzen, die ganz bewusst Sexismus einsetzen und diesen jeden Tag online und in Print platzieren! Ganz vorne mit dabei ist Julian Reichelt - der alleinige Chefredakteur für Print und Digitales. Er ist für die unsägliche Berichterstattung verantwortlich. Aber selbst vor Reichelt war Sexismus bei der BILD Programm. Darum forderten wir im Herbst 2014, das „BILD-Girl” abzuschaffen. 

Johanna Polle: Genau, wir eröffneten eine Petition und auch auf Twitter forderten wir Verbesserungen. Dem damaligen Chefredakteur Kai Diekmann fiel daraufhin nichts besseres ein, als uns aufzufordern, wir sollen ihm doch noch mehr „BILD-Girls” beschaffen. Sehr originell. Das „BILD”-Girl ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Der Sexismus durchdringt die gesamte Zeitung, was wir in unseren zwei BILD-Studien offenlegen. So fanden wir heraus, dass nur ca. ein Drittel aller Menschen, die dort auftauchen Frauen* sind. Fast drei Viertel dieser Frauen* tauchen wiederum in den Rubriken „Unterhaltung” und „Skandale/Unglück” auf. Dazu sind sie meistens leicht bekleidet.

Anne Jacob: Letztlich steht Sexismus immer in Verbindung mit Machtstrukturen. Und bei der BILD gilt nach wie vor das Credo Macht, Kontrolle und Hierarchien – die journalistische Ausgeburt des Patriarchats sozusagen. Das Ganze kombiniert mit viel Sexismus, rechtskonservativer Polemik und Hetze. 

Bild: Gender Equality Media
Bild: Gender Equality Media

Hat sich inzwischen etwas verändert?
Britta Häfemeier: 2018 gab BILD bekannt, dass es ab sofort keine Eigenproduktionen des nackten BILD-Girls mehr geben wird. Es gab aber keinen wirklichen Wandel. Die Abschaffung der nackten BILD-Girls basiert ganz sicherlich nicht auf einem neu gewonnenen Verständnis für Feminismus. Abgesehen davon, druckt BILD weiterhin nackte Frauen, sie werden auf ihr Äußeres reduziert, sexualisiert und bloßgestellt, sei es das Paparazzifoto einer Schauspielerin oder die Bewertung des Äußeren von Politikerinnen.

Anne Jacob: Dabei prägt die BILD, als Deutschlands meistgelesene Zeitung, die Wahrnehmungen vieler Menschen. Sie signalisiert ihrer Leser*innenschaft, dass Diskriminierung und Hass normal sind. Welche Auswirkungen das hat, lässt sich allein schon an den Kommentarspalten unter den Artikeln erkennen, die vor Rassismus und Sexismus strotzen. 

Welchen Einfluß hatte #MeToo?
Anne Jacob: Durch die Diskussionen rund um #MeToo und in Deutschland auch #Aufschrei wurde es schwieriger, Sexismus offen und ohne Konsequenzen in den Medien zu platzieren. Das Beispiel des „BILD-Girls” zeigt, dass öffentlicher Druck etwas bewegen kann. Aber gerade in Deutschland wird immer noch viel zu wenig gegen Sexismus in Print- und Online-Medien getan. 

Johanna Polle: Ja, bundesweit sind wir die einzige Akteur*in, die sich für Verbesserungen einsetzt. Dabei sind die sexistischen Strukturen bei uns in Deutschland noch ziemlich stark. In der Karnevalszeit wurde #MeToo sogar von der Welt belächelt, als eine Zeit, „wo die Gesetze politischer Korrektheit außer Kraft gesetzt werden.” 

Anne Jacob: Insgesamt hat #MeToo aber dazu beigetragen, dass Betroffene sexualisierter Gewalt mehr Gehör in der Öffentlichkeit bekommen. Es gab also definitiv eine empowernde Wirkung, da die Öffentlichkeit einen Eindruck über das Ausmaß sexualisierter Belästigungen und Gewalt  gewonnen hat. Obwohl man hier auch über die Intersektionalität streiten könnte, denn #Metoo ist eine ziemlich privilegierte und weiße Bewegung.

Ihr nennt eine der Säulen des Antifeminismus religiösen Fundamentalismus. Bedeutet das, ihr haltet Menschen, die sich auf ein von ihrer Religion vorgegebenes Rollenverhalten berufen, generell für rückständig? Was ist mit Frauen, die sich in diesen Rollen wohl fühlen bzw. inwieweit habt ihr Einblick in das Zusammenleben dieser Menschen? 
Britta Häfemeier: Privat kann jede*r machen, was sie*er will, darum geht es nicht. Wenn aber körperliche Selbstbestimmung oder Reproduktionsrechte einer einzelnen Gruppe von Menschen durch eine Institution beschnitten werden, dann ist das ganz klar Antifeminismus. Kirchenoberhäupter, die immer noch predigen, dass Homosexualität eine Krankheit sei und geheilt werden müsse, vermitteln rückständige, antifeministische und menschenfeindliche Weltansichten. Die selbsternannten „Lebensschützer*innen“ sind hier auch ein gutes Beispiel, denn sie wollen Frauen* ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung absprechen.

Wie zeitgemäß ist das Wort Antifeminismus respektive Feminismus hinsichtlich Transgender/Intersexualität eigentlich? 
Anne Jacob: Unser intersektionaler Feminismus schließt Trans Personen mit ein. Wenn wir von Antifeminismus sprechen, meinen wir damit selbstverständlich auch Homo- oder Transfeindlichkeit. Antifeminismus unterdrückt Menschen und ihre Stimmen. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Personen besser gehört und gesehen werden. Wir verstehen uns als Multiplikatorin, um andere Aktivist*innen und gute Projekte zu unterstützen und ihnen eine Plattform zu bieten.

Johanna Polle: Zum Beispiel haben wir zum Kampagnenstart von #UnfollowPatriarchy gemeinsam mit dem Berliner Club SchwuZ und der Musikerin FaulenzA ein Event organisiert. FaulenzA, die sich neben ihrer Musik auch als Trans*Aktivistin engagiert, hat an dem Abend ihr neues Album gelauncht. Es ist uns einfach wichtig zu zeigen: Hey wir sitzen alle im selben Boot. Lasst uns gemeinsam für Gleichberechtigung kämpfen. 

Bild: Gender Equality Media
Bild: Gender Equality Media

Ist es möglich, sich an eurem Projekt zu beteiligen? Was für Unterstützung würdet ihr euch wünschen?
Johanna Polle: Na klar! Es ist beispielsweise immer toll, wenn uns Leute von sich aus sexistische Artikel schicken oder tweeten. Als gemeinnütziger, ehrenamtlich arbeitender Verein freuen wir uns zudem auch sehr über Spenden, damit wir zum Beispiel Workshops machen können. Auch unser Team braucht hin und wieder Verstärkung. Wenn sich hier jemensch mit Fundraising auskennt, immer her damit! Aber auch schon das Teilen unserer Beiträge macht viel aus, je mehr desto besser, denn umso lauter werden unsere Forderungen. Sharing is Caring! Um eine gleichberechtigte Berichterstattung zu erreichen, brauchen wir so viele Menschen wie möglich, die dafür brennen und wirklich was verändern wollen.

Möchtet ihr sonst noch was loswerden? 

In der heutigen Zeit, wo Rechtspopulismus und Antifeminismus weltweit wieder stärker wird, brauchen wir mehr denn je Leute, die sich dem Ganzen entgegensetzen! Nicht nur im Feminismus, Menschenrechte insgesamt sind bedroht. Organisiert euch und bildet Banden, dann ist man nicht alleine und hat eine größere Schlagkraft!
Britta Hafemeier
Gender Equality Media e.V.
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