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Portrait

Reconquista Internet im Portrait: Hassreport, Meldemarathon, Gegenrede

Reconquista Internet - Hassreport
Hassreport 2  |  © Reconquista Internet

Reconquista Internet bezeichnet sich als “digitale Menschenrechtsbewegung” und als “aktive, überparteiliche und unabhängige Bürgerrechtsbewegung.” Ins Leben gerufen wurde sie von Jan Böhmermann, schnell konnten sie eine große Followerbase aufbauen.

Am 10. April wird der zweite “Hassreport” veröffentlicht. Außerdem findet der von Reconquista Internet ins Leben gerufenen “Meldemarathon” wieder statt: 10.-17. April 2019.

Hanna Gleiß sprach mit einer Aktivistin und einem Aktivisten von RI.

Auf hassmelden.de fordert ihr alle auf, problematische Posts zu melden. Was möchtet ihr damit erreichen? 
Wir möchten zur digitalen Zivilcourage ermutigen und sensibilisieren. Dort, wo Grenzen überschritten werden, sollten Posts gemeldet werden. Es ist problematisch, dass sogar strafbare Beiträge maximal von Netzwerkbetreibern gelöscht werden, sonst aber nichts passiert. Die Netzwelt erscheint so als rechtsfreier Raum, was sie nicht ist. Wir möchten den Diskurs wieder versachlichen: Das Netz sollte ein Ort sein, in dem jede(r) mitmachen kann, Onlinediskurse sollten alle einladen.

Aktuell ziehen sich aber viele Menschen zurück, weil es viele diskriminierende Kommentare gibt. Der #Standardcheck zeigt, dass das Melden bei Plattformen allein häufig nichts bringt.
Aktivist*in
Reconquista Internet

Am 10.4. startet dann der Meldemarathon. Ihr arbeitet zusammen mit der Meldestelle respect! Wie kann man sich beteiligen?
Nutzer können über unsere Meldeplattform hassmelden.de Beiträge einreichen, von denen sie meinen, dass sie strafrechtlich relevant sein könnten. Wir prüfen alle Meldungen, und leiten eine Auswahl an respect! weiter; so können Meldungen zu einer Anzeige und zu juristischen Konsequenzen für die Ersteller*innen der Beiträge führen. Der Vorteil für die Nutzer*innen, die an uns Beiträge melden ist, dass sie keine Sorgen um ihre (Daten-) Sicherheit haben müssen: Wir erstatten, zusammen mit respect!, Anzeige, sodass die Daten der Melder*innen nicht weitergegeben werden.

Meldungen über unsere Seite können sehr einfach und schnell abgegeben werden, unterwegs kann unser Telegram-Bot genutzt werden; für Nutzer*innen von Chrome haben wir ein Plugin zum Melden von Inhalten entwickelt.
Aktivist*in
Reconquista Internet

Wie trefft ihr die Vorauswahl, welche Meldungen ihr weiterleitet?
Natürlich wird erstmal Spam aussortiert. Wenn jemand meldet “Mein Nachbar hat eine Deutschlandfahne aus dem Fenster gehängt” werden wir das nicht weiterleiten, denn das ist nicht justiziabel und wir möchten respect! nicht über Gebühr belasten. Alles, was strafrechtlich relevant sein könnte wird natürlich weitergeleitet, egal ob rechts oder links, oben oder unten.

Letztes Jahr habt ihr einen Hassreport veröffentlicht, der sich primär auf Twitter bezog, jetzt auf Facebook. Welche Unterschiede nehmt ihr auf den beiden Plattformen wahr?
Auf Facebook ist vieles schärfer, extremer, schneller. Auch durch die Struktur der Plattform ergeben sich Unterschiede: Es gibt viele geschlossene Gruppen, wo man viel stärker unter sich ist, und sich völlig sicher fühlt, dass Hass und Hetze keine Konsequenzen nach sich ziehen werden. Entsprechend gibt es eine stärkere Radikalisierung. Außerdem werden selbst extreme geschlossene Gruppen den Nutzer*innen vom Facebook-Algorithmus auch noch vorgeschlagen. Wir sehen es kritisch, dass Facebook hier keine Verantwortung übernimmt.

Auch auf Twitter bilden sich Blasen und Nischen, jede Twitter-Timeline sieht anders aus. Aber Twitter ist durchlässiger.

Die Beispiele von Hate Speech, die wir auf Facebook gefunden haben, sind durchschnittlich aggressiver als auf Twitter.
Aktivist*in
Reconquista Internet

Findet ihr es nicht problematisch einzelne Personen an den Pranger zu stellen, in dem ihr ihre Kommentare im Hassreport veröffentlicht? 
Selbst wenn es ein Pranger wäre, würden wir es nicht für problematisch halten. Alle Beispiele, die wir in den Hassreport aufgenommen haben, hat ja jemand öffentlich gepostet. Abgesehen davon ist es überhaupt kein Pranger, da wir darauf geachtet haben, alle persönlichen Daten zu zensieren. Die unzensierte Version, die wir natürlich auch angelegt haben, haben wir bereits im Voraus an die zuständigen Ermittlungsbehörden weitergereicht.

Es geht hier nicht darum, zu schreiben “Max Mustermann hat Mist gebaut, schaut ihn euch alle an”, sondern darum, auf ein systemisches Problem hinzuweisen, das sich symptomatisch an einzelnen Postings zeigt. Und es geht darum, klarzumachen, dass das Netz nicht rechtsfrei ist.
Aktivist*in
Reconquista Internet

Der Report zeigt deutlich auf, um welche Mengen es hier geht. Wir haben ein weitreichendes Problem, möchten dafür sensibilisieren und zu einer Lösungsfindung beizutragen.

Was sind eure langfristigen Ziele? Wen möchtet ihr erreichen?
Wir wollen mehr Menschlichkeit und Sachlichkeit im digitalen Diskurs schaffen. Alle sollen sich beteiligen können und das angstfrei. Der digitale Diskurs ist Teil des vorpolitischen Raums und deshalb relevant. Erreichen wollen wir alle.

Jan Böhmermann hat Reconquista Internet ins Leben gerufen. Gibt es eine inhaltliche Abstimmung mit ihm?
Jan ist inhaltlich nicht involviert, was die Ausarbeitung der Aktionen angeht. Wir sind nicht die Kids, die ihren Papa fragen müssen, ob wir das dürfen.

Wie steht ihr zum “Schmähgedicht” von Jan Böhmermann? Darf das Satire?
Das Beurteilen von Satire, Comedy oder Fernsehsendungen ist nicht unsere Expertise. Das was wir tun, hat nicht viel damit zu tun, was in einer Fernsehsendung vor drei Jahren passiert ist, wir sind schließlich keine Personalunion mit Jan Böhmermann. Wir würden uns wünschen, dass die Aufmerksamkeit mehr auf den Inhalten unserer Aktionen liegt, denn das sind die Themen, die uns wichtig sind.

Möchtet ihr sonst noch was loswerden?
Wir laden alle ein, sich einzubringen und aktiv zu werden.

Traut euch, lasst euch das Internet kein Stück wegnehmen, es ist auch eurer Raum! Macht den Mund auf, bringt euch ein. Wenn auf jeden Hasskommentar auch nur ein Gegenkommentar kommt, sind wir schon einen guten Schritt weiter.
Aktivist*in
Reconquista Internet
Hanna Gleiß / Das NETTZ / Projektleitung mit Schwerpunkt Networking und Management
Autor*in

Hanna Gleiß

Das NETTZ: Projektleitung mit Schwerpunkt Networking und Management
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