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Veranstaltung

Stammtisch auf Tour – Tagebuch

NETTZ Stammtisch in Görlitz
Foto: Initiative Offene Gesellschaft e.V.

Das NETTZ ist unterwegs Im Zeitraum Mai bis November 2019 veranstaltet die Initiative Offene Gesellschaft e.V. eine Tour durch mittelgroße bis kleine Städte in Deutschland. Wir nutzen die Gelegenheit um mit Aktiven vor Ort in Kontakt und Diskussion zu kommen. Barbara Djassi notiert, was sie da erlebt. 

Flyer Schwerin
Bild: Das NETTZ | Initiative Offene Gesellschaft e.V.

Schwerin 13. Mai 2019 Ich bin auf dem Weg nach Schwerin, um unseren NETTZ-Stammtisch zum ersten Mal ausserhalb Berlins zu veranstalten. Bisher bin ich nur mit dem Leiter des RAA-Regionalzentrums für demokratische Kultur in Schwerin verabredet. Er hat mir bei einem Telefonat im Vorfeld lauter Initiativen und Namen von Menschen genannt aus der Region genannt, mit denen es interessant wäre, über Hate Speech zu reden. Das hörte sich zwar gut an. Aber nachdem ich fast gar keine Rückmeldungen bekommen habe, ist es sehr ungewiß, ob ausser uns beiden noch jemand dabei sein wird. Den Termin für den Stammtisch haben wir recht kurzfristig gesetzt. Das macht es nicht leicht wahrscheinlich. 

Bild: Das NETTZ

Angekommen in Schwerin finde ich nach kurzem Fußweg die Ausstellung der Initiative Offene Gesellschaft e.V. am See mit Fontäne. Glücklich ist Mascha Roth, die die Ausstellung konzipiert hat, weil viele Leute kommen und das Konzept aufgeht. Sie fühlen sich eingeladen, an die Hand genommen, reagieren neugierig auf die Angebote und Fragen, die die Ausstellung bereithält. Die gesamte Tour, die unter dem Motto Welches Land wollen wir sein? steht, startet hier in der mecklenburg-vorpommerschen Landeshauptstadt.

Ein Bereich der Ausstellung bietet Platz zum Sitzen und miteinander ins Gespräch kommen. Lokale Initiativen und Organisationen nutzen diesen Ort, um ihre Arbeit den Bürger*innen näher zu bringen und sich mit ihnen auszutauschen. Gerade sind noch ein paar Leute von der Bahnhofsmission da und packen die mitgebrachten Info-Materialien zusammen. Ich habe ein paar Ringe dabei für die Europawahl-Kampagne der Initiative Kleiner Fünf. Mascha Roth kniet sich vor die Frau von der Bahnhofsmission und macht ihr vor der Kulisse des Sees einen #Wahlantrag. Ich fotografiere das und setze schnell einen Tweet ab, damit sich die Landingpage der Aktion #Proposals4Europe füllt. Dann schaue ich mir die Ausstellung an und vergesse fast die Zeit beim Stöbern in den Ideen, die viele andere Besucher*innen vor mir schon hinterlassen haben. Ich bin beeindruckt von den vielen konstruktiven Vorschlägen.  

Bild: Kleiner Fünf / Tadel verpflichtet e.V.
Bild: Kleiner Fünf / Tadel verpflichtet e.V.  |  © Bild: Kleiner Fünf / Tadel verpflichtet e.V.

Ein paar Stunden später packen wir eine Biertischgarnitur auf das Lastenrad und schieben es auf den historischen Marktplatz in der Altstadt von Schwerin. Die Abendsonne scheint, aber es ist kühl und sehr windig. Der mitgebrachte Aufsteller läßt sich nicht bändigen. Wir packen ihn wieder ein und hoffen, dass uns auch ohne Schild die richtigen Leute finden. Der Leiter des RAA-Regionalzentrums kommt angeradelt und wir setzen uns schon mal an den Tisch. Eine ganze Weile bleiben wir zu dritt. Weil mein erster Stammtischgast Schwerin und das platte Land sehr gut kennt, können wir ihn mit Fragen löchern und er wird nicht müde zu erzählen. Wir erfahren, dass es nicht leicht sei für Aktive, sich für einen Abend mit uns Zeit zu nehmen. Sie seien einfach zu beschäftigt, denn es sind wenige, auf deren Schultern zu viel Engagement lastet. Die Region hat einen großen Teil fitter Leute verloren. Von denen, die dort bleiben, pendeln viele. Die sind unter der Woche nicht da und wenige davon haben am Wochenende die Motivation, sich ehrenamtlich einzusetzen. Die Aktiven kennen sich untereinander, denn das ist lebensnotwendig. Die rechtsextreme Szene ist stark und hat Zulauf. Man muss sehr mutig sein, wenn man sich gegen sie einsetzt. Bei verbaler digitaler Gewalt bleibt es unter Umständen nicht. 

Bild: Das NETTZ

Weil sich unser erster Gast nicht nur gut auskennt, sondern auch in der Stadt bekannt ist, gesellen sich Passant*innen dazu und der Tisch wird voller. Es sind Leute, die sich in der Geflüchtetenhilfe engagieren und ein Mann von der AWO.
Claus Oellerking, ein Zugezogener aus der Küstenregion im Westen macht am Ende noch ein kleines Interview mit mir, das er in seinem Blog Menschen in Schwerin veröffentlicht. "Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen leben in der Landeshauptstadt Schwerin und Umgebung. Einige von ihnen sind bereits eine lange Zeit bei uns in Deutschland, andere erst wenige Wochen. Sie alle haben ihre Geschichte. Einige von ihnen stellen wir vor.", heißt es da. Ich freue mich über diese konstruktive Porträt-Reihe in einer Zeit, in der Medienschaffende viel zu oft nur Skandalen und Unglücken hinterherlaufen und über gute Ansätze und positive Ereignisse wenig bis nicht berichten. Mit vielen neuen Informationen im Kopf trete ich die Rückfahrt nach Berlin an. 

Flyer Görlitz
Bild: Das NETTZ | Initiative Offene Gesellschaft e.V.

Görlitz, 25.Mai 2019 Ich treffe am frühen Nachmittag in Görlitz ein und bin beeindruckt von der Jugendstil-Bahnhofshalle, die mich hier empfängt. Der Weg zur Ausstellung der Initiative Offene Gesellschaft e.V. am Ufer der Neisse führt mich durch die wunderschöne Altstadt. Gruppen von Tourist*innen füllen das Straßenbild. Ein letzter Wahlkampfstand steht noch dazwischen. Es ist die AfD, die an diesem letzten Tag vor der OB-Wahl noch auf der Straße um die Gunst der Wähler*innen buhlt. Sie malen sich gute Chancen aus.

Am Fluß angekommen, lächelt mich von einer Hauswand auf der polnischen Seite eine rothaarige Frau an. Sie heißt Franziska Schubert und ist die OB-Kandidatin der Grünen. Eins ist klar, die Europawahl ist hier anders als in Berlin in diesen Tagen nicht das Hauptthema.

Die Grünen-Kandidatin stattet uns dann auch einen Besuch ab. Zeit hat sie nicht viel. Aber das Thema Hate Speech liegt ihr persönlich und politisch sehr am Herzen. Ich nehme ein Statement von ihr auf, während sich die anderen Stammtischgäste schon mal ins Gespräch vertiefen. Dieses Mal ist der Stammtisch in Kooperation mit Partnerschaft für Demokratie der Stadt Görlitz entstanden. Sie haben dafür gesorgt, dass unser Treffen in der Region bekannt gemacht wird. Wir stellen uns einander kurz vor und gehen dann zielgerichtet in die Diskussion. Herausforderungen werden genau benannt. Die Grenze zwischen verbaler und körperlicher Bedrohung und Gewalt sei schmal. Man stehe mit den Hatern in der selben Schlange an der Supermarktkasse. Expert*innen zum Thema digitale Gewalt und Hate Speech seien weit weg und nicht greifbar. Bildungsmassnahmen zum Umgang damit griffen zu kurz. Halbtägige Workshops reichten nicht aus, um selbst gewappnet zu sein und andere beraten zu können. Ich höre, dass das Provozieren unterschiedlicher politischer Lager und die weitere Polarisierung Online-Strategie der lokalen Presse zu sein scheint. Das sei „reines Click-bating“ findet eine der Stammtischgäste, die sich vor allem in Zittau engagiert. Trotzdem wir diese schwierig zu lösenden Probleme auf den Stammtisch packen und es zudem gar nicht so leicht ist, die anstehenden Wahlen etwas links liegen zu lassen, geniessen wir die konstruktive Energie, die schon durch die Ausstellung um uns herum vorhanden ist und sich im Verlauf der Diskussion auch zu unserer Thematik aufbaut. Ich fange einige Stimmen ein um sie mitzunehmen nach Berlin. Anfang Juni werde ich sie mit den Teilnehmenden des NETTZ Community Event teilen und darauf aufbauend zu den angesprochenen Herausforderungen nach Ideen für Lösungsansätze suchen. 

Görlitz Stammtisch

Nachdem wir uns verabschiedet haben, besuche ich noch kurz das Festival Zukunftsvisionen auf der anderen Straßenseite. Jährlich laden die Organisator*innen Künstler*innen ein um eins der leerstehenden Görlitzer Objekte zu bespielen. In diesem Jahr finden in der Alten Spinnerei über mehrere Wochen Ausstellung und Programm statt. Im Text auf der Webseite des Festivals spiegelt sich wider, wie politisch aufgeladen dieser Ort ist, der in Deutschland Görlitz und in Polen Zgorzelec heißt. Den "Zusammenhang zwischen Kultur und Demokratie kennen wir gut aus der Geschichte – obwohl Kunst und Kultur oft unterschätzt und für unwichtig gehalten werden (von Politik, Wirtschaft, ach, allgemein von der Gesellschaft) – sind sie absolut immer in der Topliste für Zensur, Verbot und Unterdrückung – so wurde das in der Sowjetunion gemacht, so wurde das im Nationalsozialismus gemacht, und in unserem Nachbarland wurden in den letzten Wochen auf Geheiß der nationalistischen Regierung Kunstwerke aus den Museen entfernt und Künstlerinnen verhaftet." 

Ich bastle ein kleines Schiffchen aus dem Flyer für die Kleiner-Fünf-Aktion zur Europa-Wahl und setze es auf die Neisse. Dann schlendere ich zurück zu diesem hübschen Bahnhof und fange schon mal an Daumen zu drücken für diverse Entscheidungen, die am nächsten Tag auf Stimmzetteln herbeigeführt werden.  

Finsterwalde, 3. August 2019 Einer der mit uns aussteigenden Fahrgäste versucht seiner Begleitung das Wort finster auf Englisch zu erklären. Very, very dark - more than dark - the absence of light - - - ein anderer Ankommender ruft aufmunternd: Keine Sorge, ein paar Kilometer weiter ist Sonnewalde.

Finsterwalde
Bild: Das NETTZ | Initiative Offene Gesellschaft e.V.

Von Finsternis ist keine Spur an diesem Augusttag auf dem Marktplatz, der vor einer Stunde noch voller Menschen gewesen sein soll. Selbst die dunklen Wolken, die ab und zu aufkommen, verschwinden schnell wieder – in Finsterwalde regnet es so gut wie nie, wird mir erzählt. Abwesenheit von Regen, Finsternis, Wald und leider auch Menschen, die nach dem Mittagessen mit mir über Hate Speech sprechen wollen. Halt, doch nicht. Eine Person sitzt unter dem Sonnenschirm, den der Wind immer wieder nach aussen wölbt. Er ist ein bißchen enttäuscht, denn er ist z.B. mit Wunsch gekommen, sich mit anderen Leuten aus dem Ort über den Umgang mit Provokateur*innen in Facebook-Gruppen auszutauschen. Mit einem “one-on-one” Dialog habe auch ich nicht gerechnet. Gesprächsstoff gibt es allerdings genauso satt wie Sonne in der Sitzecke, die die Ausstellung für solche vertraulichen Gespräche anbietet. Bereitwillig rücken wir ein bißchen zusammen und schaffen noch ein Schattenplätzchen, als sich schließlich eine weitere Person zu uns gesellt. Aber schnell stellt sich heraus, dass der fahrige Journalist sich eigentlich nicht so sehr für Hate Speech interessiert, sondern eine Story sucht für seinen Bericht über die Aktivitäten auf dem Markt. Er ist schnell wieder weg und wir wundern uns nach zwei Stunden, wie viel wir zwei uns doch zu erzählen hatten. 

Um uns herum haben inzwischen andere Organisationen aus Finsterwalde und Umgebung Stände aufgebaut. Mit einigen Vertreter*innen ergeben sich Gespräche. Klar wird, die lokalen Facebook-Gruppen sind nicht nur hier in Finsterwalde jene Orte, an denen alle mit dem Thema Hate Speech in Berührung kommen. Eine Frau vom Freiraum Elsterwerda e.V. ist ziemlich aufgebracht, als sie davon berichtet. Moderation fehle. Es ginge nicht, sich neben Familie und Arbeit ehrenamtlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu engagieren und sich dann noch mit Trollen herumschlagen zu müssen, wenn man über die Veranstaltungen informiert. Manch Engagierte/r zieht sich resigniert zurück aus solchen Gruppen, die so ein fantastisches Forum für Informationen und Austausch sein könnten.
 

Ich höre von Kindern, die sich vor ihren Mitschüler*innen dafür rechtfertigen müssen, dass sie nichts gegen Migrant*innen haben. Von unfassbaren Zuständen bei der Polizei. Wir reden über Angst vor der Zukunft, aber gleichzeitig auch über Mut. Über den Mann, der seine Frau warnt, weil sie sich engagiert. Die seine Sorgen zwar ernst nimmt, sich aber nicht abbringen läßt davon, aktiv zu sein und ihn am Ende dazu bringt, sie zu  den Veranstaltungen zu begleiten, die sie mit organisiert. Ich geh mit einem gutes Gefühl zum Bahnhof! "Kommunikation ist hier gefragt! Positive Lebenswelt besser kommunizieren! Finsterwalde ist es nicht "finster."" Und in Elsterwerda gibt es ein Café der Möglichkeiten.

Erfurt, 30. August Kurz vor Beginn der Stammtischrunde am Erfurter Hirschgarten zieht sich der Himmel über der schweißgebadeten Landeshauptstadt zusammen und ein Wolkenbruch prasselt nieder. Alle, die schon angekommen sind, um über Hate Speech zu sprechen, gehen schon mal auf Tuchfühlung. Ein paar Parents for Future passen auch noch mit unter den 3x3 Meter großen Pavillon, der noch vor wenigen Minuten der einzige Schattenspender auf der Fläche war, die die Offene Gesellschaft für ihre Mitmach-Ausstellung und die Aktionen der lokalen Organisationen nutzt. 

Erfurt
Bild: Das NETTZ | Initiative Offene Gesellschaft e.V.

Nachdem die Regenwolke vorbeigezogen ist, setzen wir uns zusammen – Moderatorinnen der Facebook-Gruppe #ichbinhier, ein Vertreter des Thüringer Kinderschutzbundes, Landeselternvertreterinnen, drei verschiedene Parteien, das No Hate Speech Movement und das IDZ Jena sind dabei. Daniel Geschke ist aus Jena angereist und informiert nach unserer Vorstellungsrunde über die Studie #Hass im Netz. Zentrale Themen der Erfurter Runde sind danach vor allem Bildungsangebote, Jugendschutz und der Kontakt zu Eltern. 

Stammtisch Erfurt
Foto: Initiative Offene Gesellschaft e.V.

Alle blicken gespannt den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg am 1. September entgegen. In Erfurt ist von Wahlkampagnen noch nichts zu sehen. Aber in weniger als zwei Monaten wird es auch hier soweit sein. An unserem Tisch sitzen Menschen, die ganz unterschiedliche politische Positionen haben und sie aktiv in Parteiarbeit umsetzen. Unser Thema geht alle gleichermassen an. Genau so wünschen wir uns das Zusammenstehen gegen Hate Speech - parteiübergreifend muss nach Lösungen gesucht werden.

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