Wie digitale Bildungsangebote Menschen erreichen, die am Rand gesellschaftlicher Debatten stehen
Über das Projekt
Im von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekt „Vertrauensaufbau im unsichtbaren Drittel” hat Das NETTZ gemeinsam mit More in Common Deutschland erforscht, was das sogenannte unsichtbare Drittel – also Menschen, die oft am Rand gesellschaftlicher Debatten stehen – online beschäftigt. Viele Menschen dieser gesellschaftlichen Gruppe sind entweder von der Politik enttäuscht, fühlen sich ungehört oder haben wenig Bezug zum Gemeinwesen. Sie beteiligen sich daher weniger an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, die heute nicht nur analog, sondern vermehrt digital stattfinden. Für zivilgesellschaftliche Akteure stellt das eine Herausforderung dar.Mit unserer Forschung wollen wir verstehen, wie diese online zum Beziehungs- und Vertrauensaufbau mit dieser Zielgruppe beitragen können. Erste Ergebnisse hat Das NETTZ zusammen mit More in Common im Januar 2025 in einem Impulspapier zusammengefasst. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse liefert Luisa Schmidt von Das NETTZ in diesem Reel.
Transferworkshops – und ihre Ergebnisse
In drei Workshops hat Das NETTTZ die Erkenntnisse aus dem Impulspapier für die Praxis eingeordnet und mit zwei Partnerprojekten erste Angebote speziell für das Unsichtbare Drittel getestet. Dadurch konnten zentrale Annahmen der bisherigen Forschung bestätigt und zum Teil konkretisiert werden. Wir haben gefragt: Welche Bildungsangebote brauchen Personen, die sich nicht gehört fühlen –im Netz, aber auch im Analogen? Wie müssen diese gestaltet sein? Ein Großteil der Befragten aus dem „unsichtbaren Drittel“ gibt an, Social Media hauptsächlich als privaten Raum, für die Vernetzung mit Freund*innen und zur Freizeitgestaltung zu nutzen. Der digitale Raum dient vor allem der Planung von Reisen und als Inspirationsquelle für Freizeitgestaltung oder dem Zeitvertreib. Gleichzeitig begegnen gerade junge Menschen Social Media reflektiert und können die Plattformen sowie ihr eigenes Nutzungsverhalten kritisch einordnen. Daraus ergibt sich eine gewisse Skepsis gegenüber Bildungsformaten, die genau dieses thematisieren wollen: Wer will uns da eigentlich etwas über Social Media erzählen – und warum?
„Also eigentlich, ich wisch da wirklich die ganze Zeit nur. und also ich habe mir da sogar eine Bildschirmsperre reinmachen müssen in mein Handy, dass ich da am Tag nur 20 Minuten mach, weil sonst verblödet man ja, glaub ich schon. Und ich find, dass man da leichter so den Absprung nicht schafft als bei Insta.“ (Zitat einer Workshopteilnehmer*in)
Was Bildungsformate für das unsichtbare Drittel attraktiv macht, ist die Möglichkeit zur aktiven Gestaltung und zum Einbringen eigener Perspektiven. Auf Formate, die nach Bevormundung klingen, reagiert die Zielgruppe sensibel. Häufig haben Menschen in diesem Bevölkerungssegment außerdem ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Transparenz. Misstrauen gegenüber Quellen, Anbietern oder möglichen politischen Interessen führt dazu, dass viele Personen möglichst vollständige Informationen einfordern – inklusive der Finanzierung der Träger, die Bildungsangebote machen. Emotionalisierung wird tendenziell abgelehnt; gefragt sind nüchterne, klare, überprüfbare Inhalte.
„Das kann ich nicht sagen. Dazu habe ich zu wenig recherchiert. Was sind die? Was machen die? Wer sponsort die? Ist das politisch gesteuert, privat? Das wären noch Fakten, die man wissen müsste. Aber ich schätze mal, so wie es aufgebaut ist, ist es nicht unseriös.“
Auch muss sich eine Teilnahme lohnen – wenn nicht monetär, dann zumindest über ein Zertifikat für den eigenen Lebenslauf oder dadurch, dass es ein außergewöhnliches Ereignis ist. Lohnend kann auch bedeuten, dass das Ziel eines Formates klar bestimmt und für die Person erstrebenswert ist.
„Ich würde auch sagen, wenn man übers Wochenende irgendwo hingeht oder verreist oder Zertifikate bekommt, also irgendwas dafür bekommt, dass man nur Teil nimmt. Was es ist, ist eigentlich für mich jetzt nicht so wichtig, Hauptsache, man bekommt irgendwas.“
„Da ist wieder die Frage: mit welchem Ziel? Ich brauche keinen zwanglosen Austausch ohne Anlass. Will ich einfach nicht. Wozu? Würde ich so auf der Straße auch nicht machen. Ich rede mit den Leuten über irgendwas, was mich überhaupt nicht interessiert. Wenn es ein konkretes Problem gibt, dann gehe ich auch zum Nachbarn und sage, das und das müssen wir noch besprechen. Und dann ist es okay, dann lösen wir das Problem und danach rede ich wieder ein Jahr nicht mehr mit ihm.“
Das Interesse an Austausch und Diskussion ist gering, weil viele mit Konflikten rechnen und den Mehrwert dieser Interaktionen für sich nicht sehen. Hinzu kommt die Sorge, sich in öffentlichen Debatten zu exponieren oder in digitalen Räumen, die als sehr konfliktreich wahrgenommen werden, Unsicherheiten preiszugeben. Gleichzeitig verweist diese Zurückhaltung auf ein deutliches Bedürfnis nach Schutz und Anstand.
„Ich habe das Gefühl, es wird immer ausarten. Ich habe es immer und immer und immer wieder erlebt. Leider Gottes sind Menschen unbelehrbar und es gibt immer nur eine Meinung und ich finde es nicht in Ordnung, denn jeder Mensch hat doch eine andere. Es sollte doch jeder Diskurs doch erlaubt sein. Es gibt immer die eine Seite und die andere. Was nicht heißt, dass das eine falsch ist.“
„Doch, könnte man machen. Aber dann müsste es halt echt etwas sein, wo ich dann auch Wissen habe, weil ich hätte jetzt nicht so Lust, das einmal durchzulesen und so ein bisschen Angst davon zu haben und dann anzufangen, so richtig zu diskutieren.“
Fazit
Die Workshop-Erkenntnisse und anschließende Testphase zeigen: Wer Menschen des unsichtbaren Drittels erreichen will, muss sich mit ihren Bedarfen beschäftigen. Wichtig sind transparente Informationen zum Angebot, Räume, in denen sie und ihre Bedürfnisse sowie Expertisen ernst genommen werden und ein für sie klar erkennbarer Mehrwert. Gleichzeitig lohnt sich eine präzise Zielgruppenanalyse, die es zivilgesellschaftlichen Akteuren erlaubt, Angebote mutig zuzuspitzen und neue Zugänge auszuprobieren. Das Projekt hat auch verdeutlicht, dass Fehlerkultur und Experimentierfreude zentrale Bedingungen für wirksame Projektentwicklung sind. Hierfür bedarf es auch einer Offenheit von Fördermittelgebern, die diese ergebnisoffenen Prozesse zulassen müssen. Insgesamt zeigt sich: Mit passgenauen, glaubwürdigen Formaten kann die Zivilgesellschaft Menschen erreichen, die bisher kaum in digitalen Diskursen vorkommen.
Förderung
Das Projekt „Vertrauensaufbau im unsichtbaren Drittel – Ansprache und Begegnung im Netz“ wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung.
Luisa Schmidt
(sie/ihr) Leitung Forschung und Wirkung