„Wirksam Widersprechen“ – Erkenntnisse aus dem gemeinsamen Kooperationsprojekt von Das NETTZ und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)
Im Projekt „Wirksam Widersprechen“ haben wir gemeinsam mit der Stiftung EVZ und verschiedenen Akteur*innen der historisch-politischen Bildung untersucht, wie im digitalen Raum mit geschichtsrevisionistischen und verschwörungsideologischen Inhalten umgegangen wird, welche Strategien dabei tatsächlich tragen und welche Unterstützung Akteur*innen im Themenfeld brauchen. Es zeigte sich deutlich: Geschichtsrevisionistische Inhalte haben in den letzten Jahren spürbar zugenommen und stellen damit eine zentrale Herausforderung für die historisch-politische Bildung dar. Diese Dynamiken werden von Formaten wie KI-generierten Inhalten zusätzlich verstärkt.
Fehlende Strategien, Zuständigkeiten und Ressourcen – Die zentralen Erkenntnisse aus dem Projekt „Wirksam Widersprechen“
Im Arbeitsalltag vieler Akteur*innen zeigt sich im Umgang mit geschichtsrevisionistischen Inhalten ein Spannungsfeld: Während fachliches Wissen und pädagogische Kompetenz vorhanden sind, fehlen häufig klare Strategien, Zuständigkeiten und Ressourcen für den Umgang im digitalen Raum. Reaktive Korrekturen einzelner Inhalte werden oft als wenig wirksam und ressourcenintensiv erlebt. Stattdessen setzen viele auf präventive Ansätze, selektive Nicht-Intervention (z. B. Blockieren) sowie auf Formate, die historische Einordnung niedrigschwellig und zielgruppengerecht vermitteln. Entscheidungen erfolgen dabei jedoch häufig situativ, eine strategische Rahmung fehlt oftmals.
Aus diesen Erkenntnissen heraus entwickelten wir in einem mehrteiligen Werkstattprozess ein modulares E-Learning-Reflexionstool, das Organisationen dabei unterstützen soll, ihren eigenen Umgang mit geschichtsrevisionistischen Inhalten systematisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Im Zentrum stehen Leitfragen zu zentralen Handlungsfeldern – von Haltung und Leitlinien über Zuständigkeiten und Ressourcen bis hin zu Community Management, Schutzkonzepten und Nachsorge. Ergänzt werden diese durch Entscheidungsimpulse, Hintergrundwissen sowie praxisnahe Beispiele. Ziel ist es nicht, allgemeingültige Lösungen vorzugeben, sondern Organisationen dabei zu unterstützen, kontextsensible und tragfähige Strategien für ihre eigene Praxis zu entwickeln. Die Stiftung EVZ entwickelt dieses Modul weiter und stellt das E-Learning-Reflextionstool in den nächsten Monaten auf ihrer EVZ Academy online Plattform bereit.
Einordnung und Diskussion unserer Erkenntnisse im NETTZ.Gespräch „Wirksam Widersprechen – Strategien gegen Geschichtsrevisionismus auf Social Media“
In unserem NETTZ.Gespräch „Wirksam Widersprechen – Strategien gegen Geschichtsrevisionismus auf Social Media“ haben wir die Ergebnisse aus dem Projekt vorgestellt und diskutiert, welche Herausforderungen sich für Akteur*innen der historisch-politischen Bildung in digitalen Räumen ergeben und wie diesen wirksam begegnet werden kann.
Dabei wurde schnell deutlich, wie groß das Ungleichgewicht ist, mit dem die Akteur*innen konfrontiert sind: Jugendliche verbringen täglich rund acht Stunden vor Bildschirmen – dem steht oft nur eine Stunde Geschichtsunterricht pro Woche gegenüber. Bildung und Wissenschaft müssen daher neue Kommunikationswege finden und Inhalte plattformgerecht aufbereiten. Zwar lassen sich komplexe Themen nicht in 60 Sekunden abbilden, einzelne Aspekte können jedoch sehr wohl pointiert, quellengestützt und zielgruppengerecht kommuniziert werden. Zusätzlich müssen klare Entscheidungen darüber getroffen werden, welche Kanäle bespielt werden und welche nicht.
Die Erkenntnisse zeigen: Social-Media-Arbeit ist keine Nebentätigkeit. Sie erfordert Ressourcen, klare Zuständigkeiten und langfristige Strukturen. Zudem sollten Schutzinstrumente wie Kommentarfilter und Blockierfunktionen konsequent genutzt werden. Dabei muss die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden aktiv berücksichtigt werden. Eine zentrale Herausforderung ist außerdem, dass die geschlechtliche Dimension von Radikalisierungsprozessen in der digitalen Bildungsarbeit bislang noch zu wenig berücksichtigt wurde, obwohl sie ein wichtiges Handlungsfeld darstellt.
Hier könnt ihr das gesamte NETTZ.Gespräch auf YouTube anschauen:
Gemeinsam wirksamer werden
Die Diskussion in unserem NETTZ.Gespräch und die Ergebnisse aus dem Projekt zeigen: Wirksame Strategien im Umgang mit Geschichtsrevisionismus im Netz entstehen nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ein Zusammenspiel aus klarer strategischer Ausrichtung, realistischem Ressourcenmanagement und kontinuierlicher Reflexion. Besonders wichtig sind dabei niedrigschwellige Zugänge zu aktuellen Entwicklungen, verlässliche Austausch- und Vernetzungsstrukturen sowie praxisnahe Unterstützung bei der digitalen Umsetzung. Der Bedarf ist groß und zugleich zeigt sich: Viele Ansätze sind bereits vorhanden und können durch gezielte Aufbereitung, Austausch und Weiterentwicklung für die Praxis nutzbar gemacht werden.
Wirksam Widersprechen war ein gemeinsames Kooperationsprojekt von Das NETTZ mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).
Förderhinweis:
Das NETTZ.Gespräch ist eine Veranstaltung von Das NETTZ als Teil von toneshift – Netzwerk gegen Hass im Netz und Desinformation und wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie von der Deutschen Postcode Lotterie. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.