Feindbild Zivilgesellschaft? Warum wir dem „Anti-NGO-Narrativ“ entgegentreten müssen
Die aktive und vielfältige Zivilgesellschaft in Deutschland ist eine Besonderheit. Sie ist von unsagbarem Wert für unsere Demokratie. Zivilgesellschaftliche Organisationen (ZGO) und die in ihnen tätigen Menschen sind jedoch trotz ihrer großen Bedeutung für das gesellschaftliche Zusammenleben zunehmend Bedrohungen und Angriffen ausgesetzt. Besonders in rechten Netzwerken wird ein „Anti-NGO-Narrativ“ verbreitet, in dem den ZGO parteipolitische Einflussnahme, Profitinteressen, Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit sowie finanzielle Intransparenz vorgeworfen werden. Hier zeigt sich eine erste differentielle Unschärfe: Während allgemeinhin von NGOs gesprochen wird, beziehen sich die Vorwürfe eigentlich auf die gesamte Fülle an zivilgesellschaftlichen Organisationen, weshalb wir in diesem Beitrag auch von ZGO sprechen.
Durch die verbreiteten Erzählungen entsteht die Vorstellung einer angeblich einseitig organisierten Zivilgesellschaft, die vornehmlich eine einseitig „linke“, durch staatliche Gelder finanzierte Politik vorantreibt. Besorgniserregend ist, dass diese Narrative zunehmend an Schärfe und Reichweite gewinnen. So übernehmen teilweise auch etablierte demokratische Parteien die verbreiteten Erzählungen. Ein Beispiel hierfür ist die Kleine Anfrage der CDU/CSU „Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ vom 24.02.2025, zu der wir ebenfalls ein eigenes Statement verfasst haben.
Es zeigt sich, dass diese Diffamierungskampagnen und Verschwörungserzählungen inhaltlich einfach widerlegt werden können: So lässt sich in der Zivilgesellschaft zum einen eine große inhaltliche sowie politische Vielfalt finden, wobei hier keineswegs ausschließlich linke Positionen zu finden sind, sondern durchaus auch liberale und konservative Interessen vertreten werden. Zudem haben die ZGO keinen direkten Einfluss auf politische Entscheidungen – besonders im Vergleich zu Wirtschaftslobbies. Sie formulieren vielmehr Kritik, stellen Wissen zur Verfügung und kreieren öffentliche Aufmerksamkeit. In Bezug auf den Vorwurf finanzieller Interessen oder Intransparenz lässt sich entgegnen, dass ein Großteil zivilgesellschaftlicher Arbeit unentgeltlich oder in prekären Arbeitsbedingungen erfolgt. Zudem bestehen zahlreiche Kontroll- und Transparenzmechanismen. Viele ZGO stellen ihre Finanzberichte freiwillig öffentlich zur Verfügung und sind Teil der Initiative Transparente Zivilgesellschaft. Gerade gemeinnützige ZGO wie Das NETTZ unterliegen außerdem einer hohen Nachweispflicht.
Das Ziel der Narrative scheint jedoch nicht eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem angeblich identifizierten Problem zu sein, sondern vielmehr die systematische Delegitimierung und Schwächung pluraler Positionen und Interessenvertretungen. Diese gezielten Diffamierungskampagnen gegen zivilgesellschaftliche Akteur*innen verstehen wir als Angriff auf unsere demokratischen Grundwerte.
Zunehmende Bedrohungen für die Zivilgesellschaft und ihre Akteur*innen
Die geführten Kampagnen führen dazu, dass einzelne ZGO, aber besonders auch die in der Zivilgesellschaft tätigen Menschen, zunehmend bedroht und eingeschüchtert werden. So geben in einer Erhebung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) fast ein Drittel der Befragten aus dem zivilgesellschaftlichen Sektor an, durch ihre Arbeit dauerhafte Bedrohungen im Alltag zu erleben. 50% geben an, mindestens einmal im Monat durch Hate Speech und Beleidigungen betroffen zu sein, in 18% der Organisationen sei es bereits zu tätlichen Angriffen auf Mitarbeitende gekommen und 12% sprechen von regelmäßigen Bedrohungen durch Vandalismus oder Gewaltandrohungen. Dies führt nicht nur zum Aufbau von Schutzmaßnahmen durch die ZGO, sondern auch zum Rückzug von Menschen und Organisationen aus ihren zivilgesellschaftlichen Tätigkeiten. Das ist nicht nur auf menschlicher, sondern auch auf demokratischer Ebene besorgniserregend.
Für eine starke Demokratie: Warum es die Zivilgesellschaft braucht
Zivilgesellschaftliche Organisationen erfüllen eine grundlegende und notwendige Rolle in einer demokratischen Gesellschaft: Sie vertreten gesellschaftliche Interessen eben gerade jenseits von Parteien und staatlichen Institutionen. Sie fördern Protest und Kritik und setzen sich für diejenigen ein, deren Stimmen in der Öffentlichkeit eher unterrepräsentiert sind. Viele ZGO setzen sich aktiv für Menschenrechte und demokratische Grundwerte ein: Denn parteipolitische Neutralität bedeutet nicht gleich Meinungslosigkeit! Zudem gelten ZGO auch als „Quelle sozialer Innovation zur Bewältigung diverser öffentlicher Probleme“. Sie setzen dort an, wo sich soziale Ungleichheiten besonders stark zeigen, springen ein, wenn staatliche Unterstützung nicht ausreicht und unterstützen die Menschen durch Expertise oder konkrete Hilfsangebote.
Die Zivilgesellschaft ist damit eine notwendige Sphäre der Demokratie: Sie unterstützt diejenigen, die vielleicht keine eigene große Lobby haben und schafft einen Raum, in dem viele verschiedene Positionen zu Wort kommen und gehört werden. So kann in einem offenen Prozess darüber gestritten werden, wie wir unser gesellschaftliches Zusammenleben gestalten möchten. Gerade in Zeiten von zunehmendem Extremismus, rechtsextremen Ideologien und dem Erstarken einer als rechtsextrem eingestuften Partei ist es besonders wichtig, diejenigen Menschen und Organisationen zu stärken, die sich für ein demokratisches und vielfältiges gesellschaftliches Zusammenleben einsetzen. Daher müssen wir uns klar gegen eine Normalisierung von Anti-NGO-Narrativen positionieren: Für ein demokratisches Miteinander – solidarisch und ohne Angst.
Was können wir konkret tun, um die Zivilgesellschaft zu stärken?
Die Zivilgesellschaft lebt von Engagement, Solidarität und einer klaren Haltung zu demokratischen Werten. Doch wie kann das ganz praktisch aussehen – besonders in Zeiten, in denen Polarisierung, Desinformation und Hassrede zunehmen?
👉Informiert euch
Wer sich über gesellschaftliche Entwicklungen, digitale Dynamiken und demokratische Prozesse informiert, kann fundiert argumentieren und aktiv mitgestalten. Seriöse Informationsquellen, Faktenchecks und Bildungsangebote stärken unsere Fähigkeit, kritisch zu denken und gezielt Haltung zu zeigen.
👉Sucht den Dialog
Wer sich online oder offline konstruktiv gegen Hass, Diskriminierung und Falschinformationen positioniert, setzt ein wichtiges Zeichen für ein demokratisches Miteinander. Konstruktive Kritik und ein offener Dialog sind immer willkommen und bringen uns voran: So können wir voneinander lernen, statt Vorurteile zu füttern. Falls ihr Fragen zur Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen habt, kommt gerne auf uns zu!
👉 Bildet starke Netzwerke
Gemeinsam sind wir stärker. Ob in Vereinen, Initiativen oder digitalen Communities – vernetzt euch mit anderen, die ähnliche Werte teilen. Durch Kooperation entstehen Synergien, neue Ideen und sichtbare Wirkung. Eine starke Zivilgesellschaft braucht Verbündete, die sich gegenseitig stärken und unterstützen.
👉 Meldet euch bei uns
Wir sind überzeugt: Engagement braucht Räume, in denen wir voneinander lernen und gemeinsam handeln können. Wenn ihr euch für demokratische Teilhabe, digitale Verantwortung oder den Kampf gegen Hass im Netz einsetzen wollt – kommt auf uns zu! Gemeinsam entwickeln wir Strategien, Aktionen und Projekte, die etwas bewegen.
Gerne könnt ihr unsere Arbeit auch mit einer Spende unterstützen. Jeder Beitrag zählt!
Quellen:
Weiterführende Lektüre und Links:
HateAid Faktencheck zu „Anti-NGO“-Erzählungen
Joy Hwang
(sie/ihr) Werkstudentin